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Berlinale-Forum : Lady Scorpion im Wunderland

  • -Aktualisiert am

Eine große Kinooper, die jeden Rahmen sprengt: Sono Sions „Love Exposure” Bild: Berlinale

Wenn ein Film die Berlinale lohnt, dann dieser: Sono Sions großartiger Film „Love Exposure“ über Perversion und Romantik, Pop und Beethoven bewegt sich im Spannungsverhältnis von Sünde und Unschuld. Eine bewegende Grenzerfahrung, die die Möglichkeiten des modernen Kinos vor Augen führt.

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          Bittere Tränen weint Yoko. Die Kamera zeigt ihr Gesicht in Großaufnahme, und es füllt die ganze Leinwand aus. Das junge Mädchen rezitiert den Korinther 13, eine der schönsten Bibelstellen überhaupt - sie handelt natürlich von der Liebe. Währenddessen hört man Beethovens Siebte Symphonie aus dem Off und gelegentliches Meeresrauschen, im Hintergrund sieht man ein bisschen Strand und den Ozean. Kitsch ist das nie, sondern ein erlesen inszenierter, beneidenswert stimmig komponierter Kinomoment, Pathos pur, eine Erfahrung, wie sie im zeitgenössischen Kino, erst recht dessen Teil, der auf der Berlinale die Regel ist, weitgehend vergessen scheint. Immer wieder hebt dieser Film einfach ab und reißt alles mit, was sich ihm in den Weg stellt, auch die Reserven des Zuschauers - Kino als unterhaltsame, bewegende Grenzerfahrung.

          Yokos Weinen am Strand ist nur eine von gut zwei Dutzend mehr oder weniger atemberaubenden Szenen in Sono Sions Film „Love Exposure“ (im Original: „Ai no mukudashi“), mit dem auf der Berlinale das „Internationale Forum des jungen Films“, die unabhängigste und am stärksten nach der Zukunft des Kinos suchende Sektion der Berlinale eröffnete. Und gleich im ersten Film konnte man dieser Zukunft begegnen. Hätte Beethoven Filme gemacht, davon ist sein später Fan Sion in aller Bescheidenheit überzeugt, dann wären sie so ähnlich wie seine.

          Beethoven in Japan

          Pulp Fiction aus Japan: Eine große Kinooper, die in ihrer Form allen Gewohnheiten zuwiderläuft, jeden Rahmen sprengt. Denn wie will man eine solche Erfahrung beschreiben, wie einen Film zusammenfassen, der vier Stunden lang ist und dabei, man kann es gar nicht anders sagen, ziemlich kurzweilig? „Love Exposure“ mischt das zumindest auf den ersten Blick Unvereinbare: Katholizismus und sexuelle Perversion, Beethoven und Japan-Pop, Kampfkunst und Romantik, religiöses Sektierertum und libertäre Gesinnung, Sünde und Unschuld.

          Der Punkt, an dem sich das alles trifft und vereint, ist der einzige, der dazu in der Lage ist: die Liebe. Denn in seinem ganzen wunderbaren kunterbunten Formenwahnsinn ist „Love Exposure“ eine ganz klassische und eher einfache Liebesgeschichte. Auf den ersten Blick ist es die älteste Story der Welt, die Sono Sion ein weiteres Mal und höchst originell erzählt: boy meets girl. Aber da wird es schon kompliziert. Denn genauso könnte man sagen: girl meets girl. Yu, der Sohn eines katholischen Priesters, befindet sich auf Abwegen, weil er den Vater nur durch Sünden für sich interessieren kann. In Wahrheit aber sucht er „meine Maria“, die große Liebe, die ihm seine Mutter am Sterbebett versprochen hatte. Als er Yoko trifft und ihn der Donnerschlag der Gefühle für sein Leben erschüttert, ist er wegen einer verlorenen Wette dummerweise gerade als Frau kostümiert, als „Sasori“.

          Yoko geht es nicht anders als Yu, nur glaubt sie nach der ersten Begegnung nun, dass sie eine Frau geküsst hat und eine „Perverse“ sei. Diese Ebene der Geschlechterverwechslungskomödie kennt man schon von Shakespeare. Weil „Sasori“, die „Lady Scorpion“ mit schwarzem Hut und scharfem Samurai-Schwert, aber eine mythische (und bisexuelle) Figur des japanischen Kinos der siebziger Jahre ist, spielt der Regisseur hier auch ein beziehungsreiches Spiel mit der Kinogeschichte - man merkt schon: In seiner barocken Überfülle macht das Zeichensystem, das Sion hier entfaltet, viel Entschlüsselungsvergnügen und ist dabei immer kurzweilig - aber eben auch nicht unkompliziert.

          Mut zur Peinlichkeit

          Dabei war dies nur der erste Akt eines Films, der seine Story in fünf Akten und vier Stunden weitertreibt. Das ist ungemein souverän erzählt, in überzeugenden Rhythmuswechseln, mehrstimmig aus springenden subjektiven Perspektiven. Die Musik ist ein Gemisch aus Klassik - neben Beethoven auch Ravel und Saint-Saëns - mit Rocksongs und Popteppichen. Bei aller Phantasie, dem ekstatisch-überbordendenden Antinaturalismus ist „Love Exposure“ voller Zeitbezüge. Man begegnet einer verschlagenen Femme Fatale, einer religiösen Terrorgruppe nach dem Vorbild der totalitären „Aum“-Erlösungssekte, Wahnsinn und Gesellschaft.

          Ist das nun, wie man so sagt, „typisch japanisch“? Vielleicht. Aber nur in seinem unbedingten Willen zur Form, dem Wissen, dass man im Kino nur etwas erreicht, wenn man in Bildern erzählt und den Mut hat, über Grenzen zu gehen. Wie viele seiner japanischen Künstlerkollegen und wie nur wenige Europäer besitzt Sion, der Fassbinder und Cassavettes als Vorbilder nennt, einen produktiven Wahnsinn, Mut zur Peinlichkeit wie ungehemmte Lust daran, scheinbar Unpassendes durcheinanderzuwürfeln. „Perverse gibt es nicht nur in Japan“, sagte Sion in Berlin, „die ganze Menschheit ist pervers.“ Und „ohne das Gefühl der Sünde gäbe es gar keine Perversion“.

          Ein großer Film und eine jener zu seltenen Erfahrungen, derentwegen sich das ganze Berlinale-Spektakel noch lohnt: Denn wo sonst wenn nicht im Forum und hoffentlich in ein paar Programmkinos wird man „Love Exposure“ noch sehen können?

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