https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/berlinale-2009/berlinale-die-schoene-ist-das-biest-1770867.html

Berlinale : Die Schöne ist das Biest

Schön im Kostüm und auch ohne: Michelle Pfeiffer als Kurtisane Léa in „Cheri” von Stephen Frears
          3 Min.

          Genau zwanzig Jahre nachdem Stephen Frears der damals bereits glänzend laufenden Karriere von Michelle Pfeiffer mit seinen „Dangerous Liaisons“ einen weiteren Beschleunigungsschub verpasste, hat er sie wieder vor die Kamera geholt. Damals war sie in Rokokoroben verpackt, diesmal sind es die prächtigen chinoisen Kreationen der Belle Époque, in die sie sich verhüllt, wenn sie nicht gerade ins Bett geht oder sich aus diesem erhebt. Das tut sie mit einer gewissen Häufigkeit, denn das Bett, so sagt sie in der Rolle von Léa in Frears' Wettbewerbsbeitrag „Cheri“ nicht ohne Stolz, sei der einzige Ort, an dem sie je gearbeitet habe.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Jetzt ist sie, die dort sehr viel Geld verdient hat, in einem Alter, in dem nicht auf jeden jüngeren Liebhaber notwendig der nächste folgt. War es daher klug, mit Cheri, dem Sohn einer anderen Kurtisane, der Kathy Bates Humor und ebenso viel Boshaftigkeit leiht, ganze sechs Jahre zu verbringen? Sechs Jahre, sagt Léa, als Cheri anderweitig verheiratet wird, das sei, als wäre man seinem Mann in die Kolonien gefolgt, und wenn man zurückkomme, wisse man nicht, was Mode ist, und niemand kenne einen mehr.

          Ohne Überraschungen

          Bissige Dialoge, hinterhältige Floskeln, bösartige Komplimente, das sind so die Umgangsformen im Kreis der alternden Kurtisanen, die einander Gesellschaft leisten, weil die andere Gesellschaft mit ihnen öffentlich zumindest keinen Umgang pflegt - und das ist, neben den Kostümen und der prächtigen Ausstattung, die ganze harmlose Attraktion von „Cheri“.

          Zwei schöne Menschen (der andere ist Rupert Friend als Cheri) messen sich, vergnügen sich
          Zwei schöne Menschen (der andere ist Rupert Friend als Cheri) messen sich, vergnügen sich : Bild: ddp

          Die Geschichte ist ohne Überraschungen, und auf sie war Frears, so ist zu vermuten, auch nicht aus. Zwei schöne Menschen (der andere ist Rupert Friend als Cheri) messen sich, vergnügen sich, sind möglicherweise sogar verliebt, aber wer kann das schon sagen, wenn alle sich maskieren und ein Gefühl nicht erkennten, wenn es ihnen zum Frühstück serviert würde. Was sie zum Weinen bringt, ist die Unabänderlichkeit des Alterns, das Schicksal der Geburt, der frühen oder späten.

          Der Krieg zuhause

          Eine weniger banale Angelegenheit ist der Debütfilm von Oren Moverman, der unter anderem das Drehbuch für „I'm Not There“ von Todd Haynes geschrieben hat - „The Messenger“, der ebenfalls im Wettbewerb zu sehen war. Es geht um einen Soldaten, Will Montgomery (Ben Foster), der verletzt aus dem Irak zurückgekommen ist und in seinen letzten Monaten bei der Armee dazu verpflichtet wird, den nächsten Angehörigen von Gefallenen die traurige Nachricht zu überbringen.

          Eine Aufgabe, die nicht nur Takt verlangt, sondern einem strengen Ritual folgt, zu dem neben genauen Sprachregelungen auch gehört, Abstand zu halten. Timing ist ebenfalls gefragt, die Nachricht muss die Familie schnell erreichen, schneller, als die Fernsehstationen Namen melden oder Kameraden sie simsen können. Will erledigt diese Aufgabe gemeinsam mit Tony Stone (Woody Harrelson), seinem Vorgesetzten ohne Fronterfahrung, für den diese Arbeit der Krieg ist.

          Eine Neuentdeckung liefert, was fehlte

          In den vergangenen Jahren ist eine ganze Reihe von Filmen entstanden, die, so oder so, mit dem Irak-Krieg zu tun haben, aber keiner hat es geschafft, ein größeres Publikum zu interessieren. Das lag nicht an den Filmen; „Im Tal von Elah“ von Paul Haggis, Brian de Palmas „Redacted“ oder Kathryn Bigelows „Hurtlocker“ etwa waren eindrucksvolle, auch innovative Geschichten aus diesem regellosen Krieg und seinen Folgen zu Hause. Es ist zu hoffen, dass „The Messenger“ mehr Leute sehen wollen, denn zum einen sind die beiden Darsteller von ungewöhnlicher Intensität, zum anderen vermeidet der Film nahezu alle Klischees. Drogen spielen keine Rolle, es gibt keine Rückblenden ins Kampfgeschehen, und wenn wir am Ende erfahren, wie Will zu seinen Verletzungen kam, dann ist das eine Szene, die auf dem Sofa spielt, und deren Schrecken wir über die Worte hinaus im Gesicht von Ben Foster lesen können. Wir ahnen, dass es keine Erlösung gibt, aber eine kleine Hoffnung auf sie bleibt.

          „The Messenger“ war im Wettbewerb bisher die Überraschung. Mit einem Irak-Film war nicht mehr zu rechnen, das Thema schien fürs Kino erledigt zu sein. Und mit einem derart starken Beitrag eines zumindest als Regisseur Unbekannten, lieferte das Festival zu Beginn der zweiten Hälfte das, was es immer wieder zu leisten aufgefordert wird: einen Filmemacher zu entdecken, den wir hier, auf anderen Festivals, vor allem aber im Kino wiedersehen wollen.

          Weitere Themen

          Allein im wilden Bayernwald

          Nikola Huppertz’ neuer Roman : Allein im wilden Bayernwald

          Der Vater ist fußkrank, die Mutter weit weg: In Nikola Huppertz’ neuem Kinderroman „Unser Sommer am See“ lernen drei Geschwister, wie wundervoll anstrengend das Leben ist, wenn man auf sich gestellt ist.

          Topmeldungen

          Wem das Grundstücke dieser Häuser zum 1. Januar gehörten, muss eine Grundsteuererklärung bis zum 31. Oktober abgeben.

          Die Vermögensfrage : Ein kleines Grundsteuer-ABC

          Auch wenn nun eine Verlängerung der Abgabefrist für die neue Grundsteuererklärung im Raum steht, das vorläufige Ende am 31. Oktober naht. Damit die Abgabe vor Erhalt eines Mahnschreibens klappt, eine kleine Handreichung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.