https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/berlinale-2009/berlinale-deutschland-09-wo-ist-denn-die-fraktur-geblieben-1769548.html

Berlinale: „Deutschland 09“ : Wo ist denn die Fraktur geblieben?

Freund der Tradition: Josef Bierbichler als Zeitungsleser in „Deutschland 09”
          3 Min.

          Ein Stapel Zeitungen erwartet Beintl (Josef Bierbichler), als er von einer Reise nach Hause kommt. Bilderlose erste Seiten, Leitglossen und Leitartikel unter in Frakturschrift gesetzten Titeln, ein Berg von Buchstaben, Sätzen, Absätzen, schwarz auf weiß. Wie sie eben von ihren Anfängen an aussah, die Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland, und wie Beintl sie liebt. Am nächsten Morgen aber, als er die Zeitung sieht, erstickt er fast an seinem Kaffee. Es muss der 5. Oktober 2007 sein: ein Bild auf dem Titelblatt, die Fraktur verschwunden, stattdessen lesbarere Typographie, während Beintl doch der festen Überzeugung ist, dass, wer die Fraktur nicht entziffern könne, auch das deutsche Wesen nicht verstehe.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Beintl will den zeitgemäßen Wandel seiner Zeitung nicht akzeptieren. Erst versucht er, telefonisch seinen Protest bei der Redaktion kundzutun. Dann kauft er in seiner Gegend alle Exemplare auf. Und da er ein Speditionsunternehmen hat, kann er anordnen, dass seine Fahrer an jeder Tankstelle dasselbe tun. Und ihre Fracht nach Frankfurt bringen, wohin auch er sich aufmacht, um die Redaktion zu erschießen.

          Eine Weile ziemlich komisch

          Hans Steinbichlers Episode im Omnibusfilm „Deutschland 09“, zu dem sich dreizehn deutsche Regisseure zusammengefunden haben, um herauszufinden, was es heute mit diesem Land auf sich hat, ist eine Weile ziemlich komisch. Wer aus Liebe zu seiner, dieser Zeitung durch die halbe Republik fährt, kann kein ganz schlechter Mensch sein, so glaubt man eine Weile, auch wenn, typisch Steinbichler, Beintl vom Obersalzberg kommt, was ihm wie ein Charakterzug angehängt wird. Wenn dann die Zeitungsberge in Frankfurt brennen, wird einem aber schon etwas brenzlig zumute. Da Steinbichler allerdings die topographischen Verhältnisse nicht kennt und die Redaktion in einer Art Sozialbau untergebracht und ihr einen Chefredakteur an die Spitze gestellt hat, muss man den Massenmord am Ende weder als realistische Phantasie ansehen noch persönlich nehmen.

          Bild: REUTERS

          Episodenfilme wie „Deutschland 09“ haben immer mit dem Problem zu kämpfen, ganz unterschiedliche thetische und ästhetische Ansätze unter einen Hut bringen zu müssen. Da hilft es, ein gemeinsames Anliegen zu haben, wie es die Regisseure von „Deutschland im Herbst“ hatten, jenem Gemeinschaftswerk von Schlöndorff, Hauff, Fassbinder und anderen, die sich im Jahr 1977 zusammenfanden, um im vom Terrorismus zerrissenen Land Spuren einer eigenen, in Deutschland wurzelnden Identität zu finden. „Deutschland im Herbst“ ist das Vorbild für „Deutschland 09“, und ein bisschen muss sich dieser erneute Versuch, über Deutschland filmisch nachzudenken, daran messen lassen.

          Wie ein Film von Kluge

          Es gibt in diesem Film außer der Steinbichler-„Fraktur“ noch einige gelungene Kurzfilme. Dominik Graf etwa zeigt in einem Filmessay auf altem Super-8-Material, was verschwindet - heruntergekommene Häuserzeilen in Duisburg, Berlin und Frankfurt, alte Fabrikgebäude in München -, und lässt darüber einen Text sprechen, der bewahrt, was diese Architektur erzählen könnte. Das wirkt wie ein alter Alexander-Kluge-Film und verhält sich zu Tom Tykwers Beitrag über einen Geschäftsmann, der überall auf der Welt und auch in Berlin dieselben Straßenansichten findet, immer in Häusern derselben Hotelkette absteigt, an denselben Läden vorbeirennt und im selben Coffeeshop denselben Kaffee trinkt, wie ein Kontrapunkt. Aber solche Verbindungen ergeben sich zwischen anderen Beiträgen von „Deutschland 09“ nicht.

          Die witzigste Episode stammt von Romuald Karmakar, der den iranischen Betreiber einer Animierbar im alten West-Berlin befragt und in seiner trockenen, unsuggestiven Art Antworten provoziert, die einem in ihrer schreienden Obszönität den Atem verschlagen. Der Barbesitzer, der offenbar schon jahrzehntelang dieses Lokal betreibt, hat alles gesehen, und fast alles ist in seiner Bar erlaubt. Und wie er darüber spricht, als Geschäftsmann eben, und dann am Ende von seinem Heimweh erzählt und dass er noch mal nach Iran reisen will, das hat eine ganze eigene, ziemlich schräge Poesie.

          Auch wenn es noch andere gelungene Episoden gibt - etwa die von Christoph Hochhäusler, mit welcher der Film endet und in der die Deutschen inzwischen erinnerungslos auf dem Mond leben -, kommt der Film künstlerisch nicht zusammen. Das ist unter Episodenfilmen kein Einzelschicksal und hat vor allem damit zu tun, dass es kein Gemeinsames gibt, weder ästhetisch noch gedanklich, auf das sich alle bezögen. Dafür ist in Deutschland im Jahr 09 für alle Platz, für die Melancholiker wie die Optimisten, die Spinner wie die Verschwörungsgläubigen. Und das ist dann doch eine gute Nachricht.

          Weitere Themen

          Alle gegen Feldmann

          Heute in Rhein-Main : Alle gegen Feldmann

          Die heiße Phase um die Abwahl des Oberbürgermeisters hat begonnen. Henriette Crüwell ist „Pfarrerin für Pfarrerinnen und Pfarrer“. Es gibt wieder guten Riesling aus Deutschland. Die F.A.Z.-Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Wem das Grundstücke dieser Häuser zum 1. Januar gehörten, muss eine Grundsteuererklärung bis zum 31. Oktober abgeben.

          Die Vermögensfrage : Ein kleines Grundsteuer-ABC

          Auch wenn nun eine Verlängerung der Abgabefrist für die neue Grundsteuererklärung im Raum steht, das vorläufige Ende am 31. Oktober naht. Damit die Abgabe vor Erhalt eines Mahnschreibens klappt, eine kleine Handreichung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.