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Berlinale-Bilanz : Wo man das Fliegen lernen konnte

  • -Aktualisiert am

Regisseurin Claudia Llosa mit ihrem Goldenen Bären Bild: AP

Den Goldenen Bären gewann mit „La teta asustada“ ein Film, auf den sich viele einigen konnten, ohne dass er jemand vom Hocker gerissen hätte. Doch die Preisverleihung versöhnte mit dem Wettbewerb. Michael Althen über die Berlinale 2009.

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          Irgendwann im Laufe der zweiten Festivalhälfte konnte es passieren, dass man genug hatte. Dass man sich dachte, die Vorstellungen von dem, was Festivalchef Dieter Kosslick für wettbewerbsfähig hält, und dem, was man selbst im Kino für möglich hält, gehen offenbar so weit auseinander, dass man sich den Wettbewerb und sein Kino der guten Absichten und lauwarmen Inszenierungen eigentlich schenken kann.

          Und dass man also die Konsequenz zog und abends nicht irgendwelche Wettbewerbsfilme nachholte, sondern in die 70-Millimeter-Retrospektive im International ging, um im winterlichen Festivalgrau auch mal wieder auf andere Gedanken zu kommen. Schließlich besteht ein Festival ja nicht nur aus dem Wettbewerb, der ja nur das vom Chef bestückte Schaufenster eines Ladens darstellt, der im Inneren aber ein ungleich reicheres Angebot bereithält.

          Das verschwenderische Format kam vor allem von Mitte der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre gelegentlich zum Einsatz, wenn das Kino zeigen wollte, dass die Produktion weder Kosten noch Mühen gescheut hat. Für die Retrospektive in diesem Format sprach schon der Umstand, dass sie wie ein letzter Seufzer einer Technik wirkte, von der sich der Kinobetrieb bald vollständig verabschiedet haben wird. 70 Millimeter benötigt die entsprechenden Projektoren, die diese breiteren Filmstreifen auch zeigen können - und das können eben nur noch die wenigsten. Und der anachronistische Luxus dieser Retrospektive traf auf die Meldung, wonach erstmalig über die Hälfte der Festivalsäle mit digitalen Servern ausgestattet sei, die den Film von der Festplatte projizieren. Dagegen ist an und für sich nichts einzuwenden, weil die digitale Projektion nicht den Verschleißerscheinungen von Filmkopien unterworfen ist, aber es markiert eben auch einen Scheidepunkt, der den Abschied von der Filmrolle und den Siegeszug der Festplatte markiert.

          Überraschung bei Preisträgerin Birgit Minichmayr, geehrt als beste Darstellerin
          Überraschung bei Preisträgerin Birgit Minichmayr, geehrt als beste Darstellerin : Bild: ddp

          Kino in seiner ganzen Pracht

          Schon deshalb war die Retro also eine der letzten Gelegenheiten, das analoge Kino noch mal in seiner ganzen Pracht zu bestaunen, sich in die erste Reihe des International zu setzen und im Berliner Winter in die Sonne von „Lawrence von Arabien“ einzutauchen und sich wie in einem Solarium von ihr bestrahlen zu lassen. Und die Atmosphäre im Saal war nicht nur deswegen geradezu feierlich, weil der Vorführung die bewegende Verleihung des Ehren-Bären an den Komponisten Maurice Jarre vorausging (Ehren-Bär für den Komponisten von „Doktor Schiwago“), sondern weil sich das Publikum der Besonderheit des Ereignisses bewusst war. Knappe vier Stunden in einer anderen Welt, mit nach der Ouvertüre sich öffnendem Vorhang und Pause - und draußen vor der Kasse zahllose Enttäuschte, die keine Karten mehr bekamen. Auch das ist Berlinale - eine Beschwörung dessen, was Kino mal war, und ein Beweis, welche Faszination das auch heute noch auf die Menschen ausübt.

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