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Berlinale-Beginn : Die Flügel unserer Sehnsucht

Die britische Schauspielerin Kate Winslet erscheint zur Premiere des Films „Der Vorleser”
          5 Min.

          Wenn man all das, was schon vor der Premiere geredet, geraunt und geschrieben wurde über Tom Tykwers neuen Film, all das, was, unmittelbar danach, erschüttert sogenannte Prominente und andere Premierengäste in die Mikrofone der an allen Ausgängen lauernden Reporter stammelten, all diese Sätze, wonach der Film so bestürzend aktuell sei, so mutig, so kritisch und politisch – wenn man all das, versuchsweise, mal beim Nennwert nimmt: Muss man sich dann nicht Sorgen machen um den Regisseur? Sind womöglich die ersten Auftragskiller schon von den Leinwänden herabgestiegen ins Leben, auf die Berlinale, um Tykwer, den schärfsten Gegner des Bankenwesens, des Kapitalismus, ja des herrschenden Systems, unauffällig und für immer aus dem Weg zu räumen?

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Bei der Eröffnungsgala war Tykwer ganz lebendig – und fast so gut gelaunt, wie jener Festivaldirektorsdarsteller Dieter Kosslick, der seine Rolle inzwischen so gut, so souverän und selbstironisch spielt, dass man, hätte man das Mandat dafür, ihm einerseits sofort eine Samstagabendshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen anbieten würde; und andererseits gern auch das Amt des Kulturstaatsministers, das aber schon besetzt ist, mit jenem Bernd Neumann, der in seinem Grußwort außer dem eigenen Wirken auch den Filmproduktionsstandort Deutschland anpries und gar nicht merkte, dass das ein bisschen nach DDR klang („Weltniveau“ hieß das dort) und fast so provinziell wie jener Artikel in der „Welt“, der Tykwer schon dafür lobte, dass Berlin in seinem Film so frisch aussehe. Und New York so furchtbar verbraucht.

          Tykwer ins Guggenheim Museum

          Auch Dieter Kosslick lobte den Eröffnungsfilm dafür, dass er so kritisch, so politisch sei. Und brav bedankte er sich bei den Konzernen, welche die Berlinale auch in diesem Jahr wieder unterstützen. Das Publikum interpretierte den Dresscode „Abendgarderobe“ auf Berliner Art (kaum Turnschuhe; aber wer einen Smoking trägt, wird leicht für den Kellner gehalten), und natürlich war die Freude groß, dass, kaum ging das Licht aus, und der Film begann, schon wieder Berlin zu sehen war.

          Sauer auf die Banken: Clive Owen in „The International”
          Sauer auf die Banken: Clive Owen in „The International” : Bild: ddp

          Tykwers „The International“ beginnt mit einem Mord vor dem Berliner Hauptbahnhof; dann muss der Held einem Killerradler ausweichen, wird von einem Auto angefahren, liegt am Boden, wo ihm Hören und Sehen vergangen ist – und dem Zuschauer geht es erst mal umgekehrt. Der Anfang macht Lust, und wenn in diesem Film geprügelt und geballert wird, wenn die Kamera zum Zielfernrohr wird und die teuren Requisiten in Trümmer gehauen und geschossen werden, ist Tykwer ganz auf der Höhe seines Könnens. Es gibt in diesem Film, der, weil er die Internationalität schon im Namen hat, sich nicht lange mit Berlin aufhält, sondern weiterreist, nach Lyon und Luxemburg, nach Mailand und New York, es gibt, als Höhepunkt des zweiten Aktes, eine Schießerei auf der Rampe des Guggenheim-Museums, die ist schon deshalb so sensationell, weil Tykwer hier, was ganz aus der Mode gekommen ist, die Übersicht behält und so präzise inszeniert, dass man bei jedem Schuss auch weiß, wer geschossen hat. Und wer getroffen wurde. Die Szene ist ganz unmittelbar ein Vergnügen für die Sinne, weil da so viele und so kostbare Dinge mit so viel Krach und Tempo kaputtgemacht werden, ohne dass man fürchten müsste, dass ein Querschläger den Zuschauer erledigt. Und die Szene ist ganz wunderbar als Kommentar zu jener modernen Kunst, die so viele ihrer Inspirationen den Schocks und Sensationen des Kinos verdankt. Wenn Tykwer fertig ist mit dem Guggenheim, sieht es dort so aus, als hätten sämtliche Krawallschachteln des Kunstbetriebs, von Jonathan Meese bis John Bock und Tracey Emin, dort ein Jahr lang ihr Bestes gegeben. Wenn das Guggenheim wirklich Kunstsinn hat, kauft es diese Szene und lässt sie am Schauplatz als Video-Endlosschleife laufen.

          Aha, jetzt kommt's also

          Tykwer kann viel; zu den Dingen, die er weniger gut zu beherrschen scheint, gehört aber die Kunst des Drehbuchlesens. „The International“, so hat Tykwer der „Süddeutschen“ erzählt, sei der Film zur Bankenkrise – er komme sich vor, als hätte er einen Film über Watergate gedreht. Und danach sei Watergate geschehen.

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