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Berlinale 2004 : Goldener Bär für „Gegen die Wand“

  • Aktualisiert am

Bester Stimmung: Regisseur Fatih Akin mit seinen Darstellern Bild: AP

Erstmals seit 18 Jahren hat wieder eine deutsche Produktion den Hauptpreis der Berlinale gewonnen, „Gegen die Wand“ des Hamburger Regisseurs Fatih Akin - ein deutsch-türkisches Melodram.

          Der unerwartete Triumph des deutschen Films „Gegen die Wand“ von Fatih Akin beendete am Samstag in Berlin den Wettbewerb der 54. Internationalen Berliner Filmfestspiele. Erstmals seit 1986 gewann damit wieder eine deutsche Produktion mit dem Goldenen Bären den Hauptpreis der Berlinale.

          Der 30jährige Hamburger Regisseur Akin setzte sich gegen 22 Konkurrenten im Wettbewerb mit seiner Geschichte um die dramatische Liebesbeziehung von zwei türkischstämmigen Außenseitern in Deutschland durch. Die fast schon sensationelle und auch schmeichelhafte Jury-Entscheidung für Fatih Akins sex- und gewalthaltiges Melodram mit den Schauplätzen Hamburg und Istanbul ist eine weitere Bestätigung für das Ansehen, das deutsche Filme auch international neuerdings wieder genießen. Akins Film erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die über eine Zweckehe den strengen Moralvorstellungen ihrer Familie zu entkommen versucht.

          „Das haben wir überhaupt nicht erwartet. Das ist ein sehr schönes Gefühl", sagte Akin am Samstag nach der Bekanntgabe in Berlin. „Wir sind als letzte (in den Wettbewerb) reingekommen. Wir waren die Außenseiter des Festivals. Und jetzt kriegen wir dieses Ding mit.“

          Ohne Sorge: Charlize Theron posiert bei der Oscar-Verleihung 2004

          Silberne Bären für Theron und Moreno

          Allerdings war „Gegen die Wand“ nicht unbedingt der beste Film im insgesamt matten Wettbewerb der eher glanzlosen Berlinale 2004. Keine Überraschung war hingegen der Silberne Bär für die aus Südafrika stammende Hollywood-Schauspielerin Chalize Theron, deren überragende Darstellung einer Mörderin in dem Film „Monster“ völlig zu Recht belohnt wurde. Die heiße Oscar-Anwärterin Theron muß sich den Preis teilen mit der Kolumbianerin Catalina Sandino Moreno, die in dem amerikanisch-kolumbianischen Streifen „Maria voll der Gnade“ bewegend eine blutjunge Drogenkurierin verkörpert.

          Den Silbernen Bären für den besten männlichen Schauspieler des Festivals bekam der aus Uruguay stammende Daniel Hendler zuerkannt. Hendler spielt in dem Film „El Abrazo Partido“ einen Kleinhändler in Buenos Aires, der mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert wird. Diese internationale Koproduktion des 30jährigen argentinischen Regisseurs Daniel Burmann erhielt auch den mit einem Silbernen Bären verbundenen Großen Preis der Jury.

          Akins Erfolg macht Karmakars Niederlage mehr als wett

          Der Silberne Bär für die beste Regie ging an den schon renommierten Koreaner Kim Ki-Duk, der das Prostituierten-Drama „Samaria“ in Szene setzte. Weitere Silberbären verteilte die siebenköpfige Jury unter Vorsitz der amerikanischen Oscar-Preisträgerin Frances McDormand an das Schauspieler-Ensemble des schwedischen Beziehungsdramas „Morgengrauen“ und die Gruppe Banda Osiris für die Musik in dem italienischen Beitrag „Primo Amore“.

          Die allseits gefeierten Beiträg „Before Sunset“ von Richard Linklater oder Ken Loachs realistische Romanze „Ae Fond Kiss“ blieben ohne jede Jury-Auszeichnung. Romuald Karmakars Ehetragödie „Die Nacht singt ihre Lieder“ ging bei der Bären-Vergabe leer aus und fiel beim Publikum in Berlin gnadenlos durch. Umso erfreulicher, daß Akin, der bereits 1998 für sein Kinodebüt „Kurz und schmerzlos“ viele Preise gewonnen hatte, jetzt ein solcher Erfolg vergönnt ist. Ob „Gegen die Wand“ auch in den Kinos erfolgreich sein kann, wird sich nach dem geplanten Starttermin am 22. April erweisen. Der ständige Wechsel der Dialoge zwischen deutsch und türkisch macht einen besonderen Reiz des Films aus, wird für manche Kinogänger aber auch ein Hindernis darstellen.

          Insgesamt hatten im Wettbewerb 23 Filme um die Auszeichnungen konkurriert, die am Abend bei einer Gala überreicht werden. McDormand nannte „Gegen die Wand“ einen sehr starken und sehr modernen Film. „Ich liebe diesen Film. Er sagt auf so wunderbare Weise so viele Dinge.“ Festival-Direktor Dieter Kosslick erklärte, er sei glücklich über den Goldenen Bären für „Gegen die Wand". In diesem Jahr sei auf der Berlinale wenig Mainstream-Kino zu sehen gewesen. Bisher haben sieben Filme aus Deutschland und der DDR einen Goldenen Bären erhalten, zuletzt 1986 „Stammheim“ von Reinhard Hauff.

          Star in der Türkei

          „Gegen die Wand“ erzählt die Geschichte der Deutsch-Türkin Sibel (Sibel Kekilli), die in Hamburg den heruntergekommenen und wesentlich älteren Alkoholiker Cahit (Birol Ünel) zur Heirat überredet, um den strengen Moralvorstellungen ihrer Familie zu entkommen. Nach der Hochzeit zieht Sibel mit den Männern durch die Betten, während Cahit sich langsam in sie verliebt. Als er einen aufdringlichen Liebhaber Sibels im Affekt tötet, wird sie von ihrer Familie verstoßen und geht nach Istanbul. Nachdem Cahit seine Zeit im Gefängnis abgesessen hat, treffen sich beide in der Türkei wieder.

          „Ich hoffe, der Film regt konservative Familien zur Diskussion an", sagte Akin nach der Uraufführung seines Films auf der Berlinale. Er habe in seinem Werk jedoch nicht die ältere Generation der Türken in Deutschland denunzieren wollen, sie seien auch ein Opfer der Tradition. Nach seiner Einschätzung seien die Türken in Istanbul aber moderner als die Türken in Deutschland. „Die da drüben sind uns vielleicht eine Spur voraus. Oder nein: einfach anders", erklärte der Hamburger Regisseur. Wichtig sei, daß ein gegenseitiges Geben und Nehmen da sei. Er selbst sei schon sehr nervös, wie seine Eltern „Gegen die Wand“ beurteilten.

          Akin sieht sich als deutschen Regisseur, obwohl er in der Türkei als türkischer Star gilt. „Ich verstehe mich auf jeden Fall als deutscher Filmemacher. Ich mache meine Filme mit deutschem Geld, und ich vertrete ja auch Deutschland", sagte er. „Mal fühle ich mich deutsch, mal türkisch. Aber das ist kein Nachteil: Ich kann daraus schöpfen, statt daß es mich blockiert.“ Ünel sagte, der durchgängig in deutsch und türkisch gesprochene Film sei auch ein Bekenntnis. „Es ist ein bißchen schwierig für die zweite Generation, sich in ihrer Heimatsprache noch verständlich zu machen.“ Die zweite Generation habe einfach einen größeren Wortschatz auf Deutsch als auf Türkisch. Ünels Filmcharakter Cahit muß sich im Gespräch in Istanbul zum Teil mit Englisch behelfen, weil sein Türkisch so schlecht ist. Auch bei den Türken in Deutschland, die er als „Kanaken“ beschimpft, wird er für sein schwaches Türkisch gehänselt.

          Etwas ganz Neues war der Dreh für die Hauptdarstellerin Sibel Kekilli, die zuvor als Verwaltungsfachangestellte im Heilbronner Rathaus gearbeitet hatte und auf der Straße für die Rolle angesprochen worden war. Ihretwegen wurde der Film chronologisch gedreht. „Ich habe das Gefühl, daß diese Generation wieder zu ihren Wurzeln zurückgeht und türkischer wird", sagte sie. Mit dem Film wolle sie zeigen, wie es enden könne, wenn die Eltern ihre Kinder nicht unterstützten und begleiteten.

          Die Preisträger der 54. Berlinale:

          Goldener Bär für den besten Film : „Gegen die Wand“ (Deutschland) von Fatih Akin

          Silberner Bär für den Film: „Lost Embrace“ (Argentinien/Frankreich/Italien/Spanien) von Daniel Burman

          Silberner Bär für die besten Darstellerinnen zu gleichen Teilen: Catalina Sandino Moreno (Kolumbien) für „Maria voll der Gnade“ (USA/Kolumbien) von Joshua Marston und Charlize Theron (Südafrika) für „Monster“ (USA) von Patty Jenkins

          Silberner Bär für den besten Darsteller: Daniel Hendler (Uruguay) für „Lost Embrace“ von Daniel Burman

          Silberner Bär für die beste Regieleistung: Kim Ki-Duk (Korea) für „Die Samariterin“

          Silberner Bär für die beste Filmmusik : Banda Osiris für „Erste Liebe“ (Italien) von Matteo Garrone

          Silberner Bär für beste künstlerische Leistung: Schauspieler-Ensemble des Films „Morgengrauen“ (Schweden) von Björn Runge

          „Der Blaue Engel Preis“ für den besten europäischen Film: „Morgengrauen“ von Björn Runge

          Alfred-Bauer-Preis“ für einen Erstlingsfilm: „Maria voll der Gnade“ (Vereinigte Staaten/ Kolumbien) von Joshua Marston

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