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Ultraschall-Festival Berlin : Zuwendung, nicht Verhöhnung

Dirk Rohtbrust (links) und Christian Dierstein spielen Musik von Yiran Zhao im Berliner Radialsystem Bild: Simon Detel/RBB

Was macht neue Musik, wenn ihre Materialdiskussionen keine Maus mehr hinterm Ofen hervorlocken? Sie lädt liebevoll zum Spiel ein. Das war beim Festival Ultraschall Berlin zu beobachten.

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          Diese Musik gleißt. Sie ist heiß und hell zugleich. Metallisch hart und sirenenhaft lockend. Ein Stahlrausch. Eine Schmelzofenorgie. Orchestrale Eisenhüttenerotik. „Glut“ heißt das Stück von Dieter Ammann, mit dem Ultraschall Berlin, das gemeinsame Festival für Neue Musik der Radio-Anstalten Deutschlandfunk Kultur und RBB Kultur, seine diesjährige Saison eröffnet hat. Jonathan Stockhammer am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO) ist ein Lustmusiker, der etwas weiß über Kontrolle als Weg zur Ekstase, der die diatonischen Streicherballungen zwischen dem perkussiven Krach nicht nur als kompositorisches Bindemittel begreift, sondern als Infektionstreiber eines Faszinationsgeschehens, die der Sauerstoffzufuhr durch Dynamik bedürfen, um Licht und Hitze freizusetzen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          „Glut“ als Titel ist eine Art Kalauer, weil er im Deutschen ebendas bedeutet, was er sagt, im Englischen aber für „Überfluss“, „Opulenz“, also die materielle Grundlage der „Völlerei“ (gluttony), steht. Man kann den Titel aber auch ernstnehmen als sprachliche Verbindung zwischen der Verfeuerung fossiler Brennstoffe und der Völlerei, die sie ermöglicht hat. „Glut“ stünde dann auch für die fetten Jahre, die nun vorbei sind, für eine Zukunft, die früher einmal besser schien, für die futuristische Nostalgie einer Neuen Musik, die ihre besten Jahre hinter sich hat.

          Dass dem Neuen in der Musik die Richtung abhandengekommen ist, weiß man seit langem. Wolfgang Rihm hat bereits vor Jahrzehnten beschrieben, wie die Nötigung zur Innovation die Freiheit des Komponierens einschränke und zu einer permanenten Flucht ins Reagieren zwinge, woraus am Ende – durch Innovationsdruck – eine nur noch reagierende, wenn nicht gar reaktionäre Musik entstehe. Dass mit dem Verschwinden einer gesellschaftlichen Re­levanz von Material- und Verfahrensfragen in der Musik, die in den fünfziger und sechziger Jahren noch heiß diskutiert worden war, ganz neue Probleme für den künstlerischen Betrieb auftauchen, wird gegenwärtig immer prägnanter ablesbar.

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          Auf der einen Seite versucht man die schwindende Wichtigkeit zum kompensieren durch die Flucht ins Politische. Die Donaueschinger Musiktage beeilten sich im vergangenen Oktober, das Stöckchen der Wokeness schneller zu apportieren, als die Bundeskulturstiftung es hatte werfen können. Auch im Eclat-Festival in Stuttgart war vor einem Jahr zu beobachten, dass kunstfremde Diskurse der biographischen (also eben nicht der ästhetischen) Diversität bedient werden mussten und damit programmdominant wurden. Ultraschall Berlin hielt sich lange und hält sich bis heute von solcher politischen Fremdbestimmung weitgehend fern. Freilich stellte sich hier in den vergangenen Jahren der musikalische Eindruck einer gediegenen, deutsch-französisch-italienisch dominierten Konservatoriumsmoderne ein, die ebenfalls einen älteren Befund Rihms bestätigte, wonach der esoterische Avantgardist der Akademiker von heute sei.

          Gleichwohl ist der aktuelle Jahrgang bei Ultraschall ein insgesamt erfreulicher. Milica Djordjević verteidigt in „Quicksilver“ für Orchester einmal mehr ihre Freiheit des vitalen, schöpferischen Akts. Wie „Cvor“, im Oktober in Donaueschingen uraufgeführt, ist auch das fünf Jahre ältere „Quicksilver“ bereits ein orchestrales Urschreistück: eruptiv, laut, schmutzig und lebendig, dabei klug kurz disponiert. Denn solche Ausnahmezustände – wenn es denn überhaupt gelingt, sie künstlerisch zu fassen – können nicht von langer Dauer sein.

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