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Umgangsformen im Internet : Ein bisschen Respekt

Hasskommentare sind vor allem in sozialen Netzwerken wie Youtube – aber nicht nur dort – ein großes Problem. Bild: Reuters

Diskussionen werden online oft aggressiver und ausfallender geführt als im echten Leben. Wie kann man dem Einhalt gebieten? Auf der Digitalkonferenz Republica gibt es dazu zahlreiche Denkanstöße.

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Wer nicht selbst aus eigener Erfahrung weiß, dass Online-Debatten in Sachen Benimm ein echtes Problem sind, der muss nur auf die Forschungsergebnisse von Marc Ziegele schauen. Der Sozialwissenschaftler von der Universität Düsseldorf stellte einige auf der Digitalkonferenz Republica vor. Sie zeigen unter anderem, dass die Diskussionen über Artikel auf den Facebook-Seiten der Medien noch viel unangenehmer sind, als man vermuten würde, wenn man nicht so genau hinschaut. Rund 30 Prozent der Kommentare enthalten Beleidigungen, fand Ziegele in seiner Analyse heraus, ebenfalls rund 30 Prozent beschäftigten sich gar nicht mit dem ursprünglichen Thema und rund 12 Prozent vertreten offen rassistische oder sexistische Positionen.

          Bei dieser Diskussionskultur verwundert es kaum, dass manche Leute die Kommentare auf ihrem Blog einfach abschalten. Einer davon ist der Satiriker und Autor Christian Brandes, bekannt als Schlecky Silberstein. Es habe ihn zu viel Zeit gekostet, erklärte er auf der Internetkonferenz, was vor allem angesichts der Tatsache, dass wenige Kommentare sinnstiftend und dafür einige beleidigend waren, ein wichtiger Faktor ist. Wer verbringt schon gerne seine Zeit mit fruchtlosen, unverschämt geführten Diskussionen im Netz?

          Kontakt mit der eigenen Eitelkeit

          Robert Habeck jedenfalls nicht. Der Grünen-Chef zog sich von Twitter und Facebook zurück, weil er erkannt hatte, dass die sozialen Netzwerke auch in ihm nicht das Beste zum Vorschein brachten. Was ist das für ein Teufelszeug, das selbst Leute zu Pöblern macht, die dabei über sich selbst erschrecken? “Es ist kein Debattenkanal”, stellte Christian Brandes klar und plädierte für ein Social-Media-Verbot für Politiker im Wahlkampf, das ihnen auch mehr Zeit für ihre richtige Arbeit ließe. “Aber sie sagen immer, man kann dort gut mit den Bürgern in Kontakt treten”, wandte der Moderator ein, worauf Brandes antwortete: “Du kannst da mit deiner eigenen Eitelkeit in Kontakt treten.” Glasklare Analysen brauchen eben nicht immer viele Worte.

          Schlecky Silberstein (Christian Brandes) bei der Media Convention Berlin im Rahmen der Internetkonferenz „re:publica“ am 6. Mai 2019 in Berlin.

          Inmitten von Beleidigungen, die nicht mal mehr wohlwollend als Debattenbeiträge interpretiert werden könnten, fand sich im Januar auch die ZDF-Journalistin Nicole Diekmann wieder. Auslöser war nicht ihr Tweet “Nazis raus” gewesen, sondern ihre scherzhafte Antwort auf eine Nachfrage, ein Nazi sei natürlich jeder, der nicht die Grünen wähle. Im Nachhinein habe sie sich auch gedacht, ein Zwinkersmiley hätte ihrem dem Tweet nicht geschadet, erklärte Diekmann in einem Panel auf der Republica. Was anschließend geschah, lag allerdings so außerhalb jeglicher Humorkategorien, dass man sich fragen muss, ob die Ironie ihres Tweets nicht doch absichtlich übersehen wurde, um die verbalen ABC-Waffen auspacken zu können.

          Doch der Shitstorm ging nicht nur in eine Richtung, wie der Social Media Analyst Luca Hammer in seinem Vortrag zeigte. Er hat den Fall Diekmann strukturell erfasst und ausgewertet und demonstrierte zum einen, wie sich die Empörung verbreitete und welche Blase sich daran beteiligte. Aber seine Ergebnisse zeigen zum anderen, dass aus dem Shitstorm schließlich der Lovestorm erwuchs – die Welle der Gegenempörung, die Diekmanns Tweet verteidigte und den Umgang mit ihr verurteilte.

          Wenn man nun sämtliche Stürme überspringen und direkt zu einer sachlichen, fairen Diskussion übergehen könnte – was müssten wir für dieses Utopia tun? Schon Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte in seiner Eröffnungsrede zur Republica, die starke Zivilgesellschaft dürfe im Netz nicht den „Scheinriesen, die sich austoben” weichen.

          Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen lieferte dazu in seinem Vortrag konkrete Ideen. Es bräuchte ein Schulfach, erklärte er, in dem gelehrt werde, wie man Quellen überprüft, Medien und Diskurse versteht und, ganz wichtig: „Dass der öffentliche Diskurs von verbaler Aggression geschützt werden muss.“ Ob dieses Schulfach nicht Geschichte hieße und bereits auf den Lehrplänen stehe, fragte anschließend ein Zuhörer. Aber alleine die Tatsache, dass Geschichte als Fach da Lücken lässt, in denen Unwissen, Manipulationen und Hass blühen, zeigt, wie bedenkenswert Pörksens Vorschlag ist.

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