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Abriss nach kurzer Zeit? : Berliner Schildbürgerbauten

Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus spiegelt sich am Morgen in der Spree. Bild: dpa

Unter Wasser: Noch unvollendet, könnte das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus für die Bundestagsabgeordneten schon bald wieder abgerissen werden. Angeblich kommt das billiger als die Rettung des fehlerhaften Baus.

          Der Ton wird rauher, auch gegenüber Häusern. Die Abstände zwischen der Fertigstellung eines Gebäudes und den ersten Forderungen nach seinem Abriss werden immer kürzer. Der Palast der Republik brachte es immerhin auf fast dreißig Jahre Lebensdauer, das Technische Rathaus in Frankfurt sogar auf 35 Jahre, bei der Rotunde der 1986 fertiggestellten Frankfurter Schirn forderte der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler aber schon gut zwanzig Jahre später einen Teilabriss, weil sie der neuen Altstadt im Weg sei. Jetzt erwischt es den von Stephan Braunfels entworfenen, weit über 200 Millionen Euro teuren Anbau von 300 zusätzlichen Büros an das Berliner Lüders-Haus, wo die Bundestagsabgeordneten ihre Büros haben. Der Anbau schiebt sich mit einer 36 Meter hohen Rotunde ins Stadtbild, ein Betondach schwebt auf dünnen Pfeilern, eine große Freitreppe soll an die athenische Demokratie erinnern und Leichtigkeit und Aufbruch vermitteln. Stattdessen wird jetzt über einen Abbruch diskutiert – und das, obwohl das Gebäude noch gar nicht mal fertiggestellt ist.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          In einem Interview erklärte der Vorsitzende der Baukommission des Bundestags und Parlamentsvizepräsident, Wolfgang Kubicki, dass von unten immer wieder Wasser in den Bau eindringe, deswegen ist die Baustelle seit Jahren verzögert. Ein Dossier der Bundestagsverwaltung stellt das zuständige Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung als völlig überfordert dar, das Amt müsse massiv entlastet werden, und die Angelegenheit wird nicht besser dadurch, dass der Architekt gekündigt hat, weil ihm die Behörde 14 Millionen Euro schulde. Es spreche einiges dafür, dass man sanieren kann, sagt Kubicki, aber eben auch einiges dagegen, denn wenn man die größeren Risse abdichtet, könne es sein, dass das Wasser sich einen Weg durch die kleineren Risse bahne. Und dann wäre Abriss und Neubau unterm Strich billiger: „Einmal Flughafen Berlin Brandenburg reicht“, so Kubicki. Da war es, das böse F-Wort: der Flughafen BER.

          Dass die Abstände zwischen der Fertigstellung eines Gebäudes und den ersten Forderungen nach seinem Abriss immer kürzer werden, hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass der Abstand zwischen Entwurf und Fertigstellung eines Gebäudes und auch der zwischen eingeplanten und tatsächlichen Kosten immer länger wird.

          Ganz, ganz bestimmt noch 2020

          Sowohl der neue Berliner Flughafen als auch der Erweiterungsbau der Bundestagsbüros sollten eigentlich schon 2012 fertig sein, auf beiden Baustellen wird noch, um es neutral auszudrücken, „gearbeitet“, wobei man beim Flughafen den Eindruck hat, dass selbst die politisch Verantwortlichen mittlerweile von ihm so sprechen wie von jemandem, von dem sie gar nicht genau wissen, ob es ihn überhaupt gibt. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup erklärt zwar wacker, es werde nun ganz, ganz bestimmt noch im Jahr 2020 eröffnet, aber es klingt immer ein bisschen so wie der verzweifelte Mann mit dem verwelkenden Blumenstrauß auf dem Tisch, der zum Kellner „sie kommt ganz bestimmt noch“ sagt. Die Kostenexplosion des flügellahmen Berliner Großflughafens von ursprünglich zwei auf sieben Milliarden überschattet alle anderen Berliner Katastrophenbaustellen – was nicht heißt, dass die es sich in diesem Schatten gemütlich machen können. Beim Flughafen haben mehrere Experten überzeugend vorgerechnet, dass es ökonomisch sinnvoller gewesen wäre, das Knäuel aus Fehlplanungen 2012 einfach abzureißen und alles noch mal neu zu denken, als die gigantische kafkaeske Bastelei fortzusetzen, die man damals angezettelt hat.

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