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Abriss nach kurzer Zeit? : Berliner Schildbürgerbauten

Aber das wäre politisch nicht darstellbar gewesen. Liebe Berliner, wir haben uns ein bisschen vertan – gut, bisschen, es waren zwei Milliarden, aber wir müssen noch mal anfangen, denn sonst wird’s noch teurer: Das wäre ein ehrlicher Satz gewesen, den der damalige Bürgermeister Wowereit hätte sagen müssen, aber dann wäre er halt wohl auch danach nicht mehr Bürgermeister gewesen. Und er war sehr gern Bürgermeister.

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Wiederholt sich die Geschichte? Wieder ist Wasser schuld, eine böse kleine Pointe in der Stadt mit dem am wenigsten schnell fließenden Fluss aller Zeiten, der zäh mit nur neun Zentimetern pro Sekunde dahindümpelnden Spree. Beim BER war in den Sprinkleranlagen der Wasserdruck zu gering, beim Abgeordnetenhaus-Anbau kommt zu viel Wasser von unten, durch Risse im Fundament, eine unfreiwillige Metapher für den Zustand der deutschen Volksparteien, die hier ihre Büros haben, und für die Lage anderer einstiger Garanten deutscher Wertarbeit und Solidität. Jetzt dreht sich auch das Schuldzuweisungskarussell wieder auf eine schwindelerregende Weise – es stimmt, dass oft unkoordinierte Änderungswünsche die ohnehin komplexen Großbaustellen ins Chaos stürzen lassen, dass sie unter massivem Kostensenkungsdruck, einem sich rasant ändernden Konvolut an Sicherheits- und Effizienzregelungen leiden – und hinterher alles noch viel teurer wird. Aber in anderen Ländern bekommen sie es trotzdem hin. Klar wird an der neuesten dreistelligen Millionenpanne, dass sich an der Art, wie der Staat in Deutschland bauen lässt, Grundlegendes ändern muss.

Planloser und sortierter als der Kabelsalat

Eine Forderung nach Abriss, bevor der Bau überhaupt die Chance bekommt, eingeweiht zu werden: Das ist ein neues Niveau. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Ersten den Wiederabriss des neuen Stadtschlosses mitsamt seinem „Humboldt-Forum“ fordern werden, dessen Inhalt zurzeit noch planloser und unsortierter aussieht als der Kabelsalat im Großflughafen. Und jetzt schon mehren sich die Stimmen derer, die eine massive Kostenexplosion beim geplanten, „Die Scheune“ getauften „Museum des 20. Jahrhunderts“ vorhersagen und den Bau, statt ihn den betagten Sammlungsgebern zuliebe über den Zaun zu brechen, abblasen und es lieber noch mal mit einem ehrlichen Kostenplan versuchen wollen.

Helfen kann den mit präemptiven Abrissforderungen überzogenen Berliner Großprojekten nur noch das Öko-Argument: Was man an Energie verbrauchen würde, wenn man alles wieder einstampft! Und ein Flughafen, an dem nichts fliegt, ist für die Umwelt eigentlich sowieso das Beste. Man müsste ihn nur überwuchern lassen, dann hätte Berlin immerhin den ersten vollkommen CO2-neutralen Flughafen der Welt.

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