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: Berlin, Hauptstadt der Impotenz

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Getreu der Produzentenlosung aus Hollywood, ein Film müsse mit einer Explosion beginnen und sich dann langsam steigern, fängt "Der alte Affe Angst" damit an, daß die Fetzen fliegen, und schafft es im weiteren Verlauf durchaus noch, zuzulegen.

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          Getreu der Produzentenlosung aus Hollywood, ein Film müsse mit einer Explosion beginnen und sich dann langsam steigern, fängt "Der alte Affe Angst" damit an, daß die Fetzen fliegen, und schafft es im weiteren Verlauf durchaus noch, zuzulegen. Aus dem Dunkel einer nächtlichen Auseinandersetzung, bei der alles längst gesagt und trotzdem kein Ende in Sicht ist, führt der Film in einer steten Berg-undTal-Fahrt schließlich in ein Glück, das in seinem Taumel nichts zu wünschen übrigläßt. Aber als Happy-End ist es weniger ein Wechsel auf eine bessere Zukunft als eine Form der Erschöpfung, in die sich das Paar flüchtet, weil alle anderen Gefühlslagen ausgeschöpft sind. Das Glück ist, so wie Roehler das zeigt, die letzte Ausflucht, wenn alles Porzellan einer Beziehung zerschlagen ist.

          Robert ist Theaterregisseur, Marie Krankenschwester. Sie lieben sich, aber im Bett klappt es seit sechs Monaten nicht mehr. All ihre erotischen Bemühungen bleiben fruchtlos, sexuelle Befriedigung findet er nur bei Prostituierten. Daran ändern auch die Besuche beim Therapeuten nichts, und die Tatsache, daß sein Vater, der seit Jahren an einem neuen Roman laboriert, an Krebs stirbt und daß sie täglich auf der Kinderstation mit frühem Leid konfrontiert ist, trägt auch nicht gerade dazu bei, die Lebensgeister des Paares zu wecken. Im Grunde sind die beiden mit ihrer Weisheit schon am Ende, als es losgeht, aber genau das zeichnet Roehler aus: daß seine Filme erst anfangen, wo andere längst abblenden.

          Was Roehler mit dem französischen Kino verbindet, ist seine Entschlossenheit, die Liebe an sich zum Thema zu machen. Aber wo sich die Franzosen eher für die schöne Kunst der Liebe interessieren, scheint sie bei ihm die schwierigste Kunstform von allen. Denn was immer seine Helden versuchen, um ihres Glückes Herr zu werden, endet über kurz oder lang in Heulen und Zähneklappern. Und der Regisseur hat dafür Schauspieler gefunden, die auch bereit sind, bis zum Äußersten zu gehen. Marie Bäumer zeigt, daß die Liebe tausend Gesichter hat und jedes seine eigene Schönheit, und Andre Hennicke, der schon in Dominik Grafs "Sperling und der brennende Arm" und Christian Petzolds "Toter Mann" ein Ereignis war, schafft es auch hier, seine ganze Sehnigkeit in den Dienst der Geschichte zu stellen. Man hat wirklich den Eindruck, dabei zusehen zu können, wie die widerstreitenden Gefühle an seinem Körper ziehen und zerren, wie einer innerlich verglüht. Dafür, daß bei Roehler der Regler immer auf volle Lautstärke gedreht ist, bringen die beiden bemerkenswert viele Modulationen des Liebesleids zustande.

          Die Menschen bei Oskar Roehler tragen ihr Herz auf der Zunge, und ihre Nerven liegen blank - das muß man mögen, sonst wird man in seinen Filmen nicht glücklich. Sie gehen immer dorthin, wo es weh tut, wo die Pein fast schon in Peinlichkeit übergeht. Einmal muß Robert buchstäblich die Hosen herunterlassen und Marie sein blutverschmiertes Geschlechtsteil präsentieren, das unübersehbar von seinen außerehelichen Aktivitäten kündet, und als seien seine Versuche, sich mit Ausreden der Situation zu entwinden, nicht schon schlimm genug, zerrt ihn Marie daraufhin in die Peepshow, damit er ihr die betreffende Prostituierte zeige - wie eine Mutter ihr Kind nach einem Ladendiebstahl. Daß sich diese Frau dann wiederum als Mutter eines HIV-positiven Kindes entpuppt, das Marie in der Klinik betreut, ist nur die logische Konsequenz einer Geschichte, die albtraumhaft immer die schlimmstmögliche Wendung nimmt. So wirken auch die Auftritte von Christoph Waltz als Therapeut und Herbert Knaup als Kokser wie Szenen aus einem Albtraum, in dem alle Figuren nur darauf aus sind, den gelähmten Helden noch tiefer ins Elend zu stürzen. Und auch Vadim Glowna ist als sterbender Vater eine Heimsuchung für den Helden.

          In "Die Unberührbare" hatte Oskar Roehler ein Geisterreich namens Deutschland entdeckt, in "Der alte Affe Angst" gerät ihm das neue Berlin zu einem Ort der Schwätzer und Schwafler, die sich in engen Clubs und weiten Lofts an ihrer Bedeutung aufgeilen und ihre Lähmung mit Therapie und anderen Drogen zu überspielen versuchen. Der alte Westen hat seine besten Zeiten hinter sich, und der neue Osten ist auch nur aus den Panoramafenstern über der Stadt zu ertragen. Wann immer der Film Verschnaufpausen einlegt, hat man den Eindruck, daß die freigewordenen Gefühle von Verzweiflung und Verfall in die Stadtbilder einfließen. So wird Berlin zur Hauptstadt der Impotenz. Michael Althen

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