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Berlin-Friedrichshain : Die Schlacht um die Rigaer Straße wird zum Western

  • -Aktualisiert am

Berlin Friedrichshain: Sympathisanten der Rigaer Straße 94 bekleiden ihr Haus mit einem Transparent. Bild: Imago

Frank Henkel, der Spitzenkandidat der Berliner CDU, kämpft gegen Autonome. Berlin schaut derweil zu und wundert sich.

          8 Min.

          Es ist warm an der gefährlichsten Ecke Berlins, man kann auf dem Boden sitzen. Das Pflaster ist neu, die Fahrradständer sind es auch, eine junge Frau sammelt die Kronkorken der Biertrinker in einem Becher ein, damit sie nicht herumliegen. „Dorfplatz“ nennen sie die Ecke Rigaer und Liebigstraße hier, wo die autonome Szene Berlins ihr Hauptquartier hat. Dass das Pflaster neu ist, weil die Steine auch mal zum Werfen eingesetzt werden, fällt einem erst später ein.

          In der Realität fühlt sich dieser Dienstagabend so gefährlich an wie ein Kaffeekränzchen in Wilmersdorf. Schwalben flitzen durch den Abendhimmel, ein Hundewelpe bellt einem Rollkoffer hinterher. Kleine Gruppen haben sich auf den Straßenecken niedergelassen, Getränke und Snacks kommen aus der „Bäckerei 2000“ gegenüber. Der Samariterkiez ist heute eine begehrte Wohnlage, in der Rigaer Straße koexistieren Neubauten, renovierte Altbauten und bunt bemalte Häuser, von denen die Transparente der Anarchisten hängen. Mehrere verfallene Altbauten der DDR wurden nach der Wende von linken Hausbesetzern bewohnt, denen die Stadt in den Neunzigern Mietverträge anbot. Es war eine politische Entscheidung, sie sollte die Gegend befrieden. Später aber verkaufte Berlin massenhaft Häuser an Meistbietende, auch die Liebigstraße 14. Als der Neubesitzer das Haus 2011 räumen ließ, gab es Krawalle. Die Szene fürchtet, dass es jetzt auch die Rigaer Straße 94 trifft, ihre letzte Bastion, ihr Symbol.

          Das Feindbild des dumpfen Autonomen

          Auf dem Dorfplatz wird es plötzlich laut. Um neun Uhr abends trommeln sie hier mit allem, was sie haben, um ihre Solidarität zu zeigen mit der teilbesetzten Nummer 94: Pfannen, Mülleimer, Flaschen. Hier und da sieht man Leute auf den Balkonen. Viele Anwohner – nicht alle – mögen die Autonomen, die darin wohnen, sie beobachten die Lage aufmerksam.

          Für den Verfassungsschutz geht von den Anarchos „rund um die Rigaer Straße 94 und deren Sympathisanten das größte Gewaltpotenzial der linksextremistischen Szene Berlins aus“. Es gibt allerdings ganz normale Mieter, die Verträge haben. Im Erdgeschoss unterhält ein Verein die Kneipe „Kadterschmiede“. Die wurde am 22. Juni 2016 geräumt, genauer gesagt: die Bauarbeiter des Eigentümers haben geräumt, und die Polizei hat sie dabei beschützt, so stellt es die Polizei dar.

          Der Hauseigentümer habe die Polizei darum gebeten, er wolle syrische Flüchtlinge darin unterbringen, hieß es. Die Flüchtlinge seien sogar schon vorgefahren und dann sehr enttäuscht gewesen, dass man sie nicht aufnehmen wollte. Dass die Rigaer Straße 94 eine der ersten Anlaufstellen für Geflüchtete war, für die etwa regelmäßig gekocht wird, dass dort auch schon Geflüchtete mittelfristig gewohnt haben und der Verein „Friedrichshain hilft“ eine Kleiderkammer in den Räumen der „Kadterschmiede“ betreibt, davon dringt erst mal nichts in die Öffentlichkeit. Das Feindbild des dumpfen, gewaltbereiten Autonomen hängt seit Jahrzehnten in jedem deutschen Redaktionsschrank. Es passt immer, man muss es nur ab und zu neu aufbügeln.

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