https://www.faz.net/-gqz-wdrr

Berlin : Ein Schloss für Humboldt

  • -Aktualisiert am

Kein anderes Gebäude, das in den nächsten Jahren in Deutschland entstehen wird, hat eine ähnliche symbolische Bedeutung wie das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss. Doch bei Licht betrachtet sind die Pläne überaus vage.

          3 Min.

          Kein anderes Gebäude, das in den nächsten Jahren in Deutschland entstehen wird, hat eine ähnliche symbolische Bedeutung wie das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss. Dabei ist schon der Name des Projekts Symbol. Das Stadtschloss, dessen Wiederaufbau der Bundestag im Juli 2002 mit parteiübergreifender Mehrheit beschlossen hat, wird nur in seiner äußeren Hülle und im kleineren der beiden geplanten Innenhöfe der Residenz der preußischen Hohenzollern gleichen, deren Kriegsruine die DDR unter Ulbricht im Jahr 1950 sprengen ließ. Und das Humboldt-Forum, über das sich Berliner Intellektuelle und Kulturpolitiker die Köpfe heißreden, ist bisher nicht mehr als ein schillerndes, vieldeutiges Konzept. Wirklichkeit ist es noch lange nicht.

          Der Parlamentsbeschluss von 2002, der die Errichtung der historischen Barockfassade an drei Seiten und den Bau des sogenannten Schlüterhofs vorsieht, zeigt an, worum es beim Berliner Stadtschloss geht: Es ist ein politisches Gebäude, ein Schloss des Staates, es ist kein Triumph des Bürgersinns wie die wieder aufgebaute Frauenkirche in Dresden. Trotzdem ist es richtig, dass der „Förderverein Berliner Schloss“ mit Unterstützung des Bundespräsidenten und anderer namhafter Politiker Privatspenden für die Barockfassade sammelt. Aber der entscheidende Gesichtspunkt des Neubaus ist seine repräsentative Funktion. Das Schloss wird ein Wahrzeichen des wiedervereinigten Deutschlands sein, so wie der Palast der Republik, an dessen Stelle es tritt, ein Zeichen der Teilung Deutschlands war. Es wird gemeinsam mit dem Reichstag und dem Brandenburger Tor eine symbolische Trias bilden, in der sich die Berliner Republik mit ihrer Vorgeschichte und ihren historischen Herausforderungen wird erkennen können.

          Geringer Gestaltungsspielraum

          Deshalb ist die geringe Beteiligung am Architektenwettbewerb für das Schloss, der im Herbst begonnen hat, auch nicht die Blamage, zu der manche sie hochreden wollen. Der Gestaltungsspielraum des vierstöckigen Gebäudes hinter den barocken Fensterreihen ist gering; die großen Namen der internationalen Baukunst setzen ihre Kreativität offenbar lieber für prestigeträchtigere Aufträge ein. Aber gerade in seiner Gebundenheit liegt auch die Chance dieses Neubaus. Anders als bei vielen zeitgenössischen Staatsbauprojekten in London, Paris oder auch im Berliner Regierungsviertel entsteht auf dem Schlossplatz keine spätmoderne Überwältigungsarchitektur, sondern ein Museumskomplex in traditionellen Formen. Wie glanzvoll diese Synthese von Alt und Neu gelingen kann, zeigt das renovierte Zeughaus Unter den Linden mit dem Anbau I. M. Peis. Die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums, deren Schaustücke die Säle des Zeughauses füllen, ist seit ihrer Eröffnung im Juni 2006 eine der großen Publikumsattraktionen Berlins.

          Den Großteil der Baukosten für das Stadtschloss trägt der Bund. Für seinen Inhalt aber ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz unter ihrem neuen Präsidenten Hermann Parzinger zuständig. Parzinger hat sich zu den Plänen seines Vorgängers Klaus-Dieter Lehmann bekannt, der die ethnologischen Museen in Dahlem, die wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität und einen Teil der Zentral- und Landesbibliothek Berlin im Humboldt-Forum unterbringen wollte. Zugleich hat der neue Präsident die Umzugspläne für die Berliner Gemäldegalerie verteidigt, die von ihrem ungeliebten Standort am Potsdamer Platz in einen Neubau gegenüber dem Bodemuseum am nordwestlichen Ende der Museumsinsel umsiedeln soll.

          Von alledem gibt es genug

          Aber so ungewiss die Finanzierung dieses Galeriebaus ist, so vage sind bei Licht betrachtet die Pläne für das Humboldt-Forum. Die Dahlemer Sammlungen werden nur etwa die Hälfte der 48.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche des Schlossbaus füllen. Für den Rest ist eine Mischnutzung aus Cafés, Galerien, Veranstaltungs- und Bibliotheksräumen vorgesehen, die keineswegs überzeugend wirkt. Von alledem gibt es in Berlin genug. Was aber fehlt, ist ein repräsentativer Museumsbau für die Gemäldegalerie der Hohenzollern, eine der drei bedeutendsten Sammlungen klassischer Malerei in Deutschland. Warum soll sie einen Platz am Katzentisch der Museumsinsel erhalten, während in den Saalfluchten des Humboldt-Forums eine riesige konzeptionelle Lücke klafft?

          Das ist die Frage, welche die Preußen-Stiftung in diesem Jahr beantworten muss. Sie ist ebenso kultur- wie museumspolitischer Natur. Ein Haus, das im Geist der Humboldt-Brüder eine Enzyklopädie der Kulturgeschichte entfalten will, kann auf die europäische Perspektive nicht verzichten. Und ein Gebäude, das zu den architektonischen Wahrzeichen des Landes zählen wird, darf nicht zur Hülle für ein kulturgastronomisches Allerlei werden. Die Gemäldegalerie würde dem Stadtschloss ein museales Fundament geben, auf dem die bunte Vielfalt der wissenschafts- und kulturgeschichtlichen Sammlungen aufbauen könnte. Und sie würde die deutsche Öffentlichkeit mit einem Großprojekt versöhnen, das den Steuerzahler nach optimistischen Berechnungen eine halbe Milliarde Euro kosten wird.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Folgen:

          Topmeldungen

          DFB und Likes von Gündogan/Can : Nicht viel gelernt

          Die Nationalspieler Gündogan und Can können mit der Rücknahme ihrer Likes für den türkischen Soldatengruß eines Fußballkumpels die politische Diskussion nicht stoppen. Der DFB versucht abermals Schadenbegrenzung durch Schweigen und Beschwichtigen.
          Im Gedenken: Besucherin vor der Synagoge in Halle.

          Anschlag von Halle : Wie kann man den Judenhass bekämpfen?

          An Vorschlägen, wie man dem Antisemitismus in Deutschland entgegenwirken kann, fehlt es nicht. Eine bessere Aufklärung in den Schulen alleine reicht jedenfalls nicht.
          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.