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Bereute Mutterschaft : Lass es wegmachen, oder was?

  • -Aktualisiert am

Von mancher Mutter bereute Pflicht: die Sorge um das eigene Kind Bild: dpa

Das ewig Mütterliche stößt manche Betroffenen ab - aber was soll aus der Reue denn eigentlich folgen? Anmerkungen zur Merkwürdigkeit der Debatte über die bereute Mutterschaft.

          5 Min.

          Regretting motherhood (die Mutterschaft bereuen): Ist das jetzt Pflicht? Man muss es fast annehmen. Die von der Soziologin Orna Donath mit einer Studie zu 23 befragten israelischen Müttern ins Rollen gebrachte und mit einem Buch erneut befeuerte „Debatte“ wurde von allen sofort für „wichtig“ gehalten: Mütter trauten sich zu sagen, dass sie es bereuen, Kinder bekommen zu haben, weil sie zu wenig Zeit für sich selbst haben, und dass sie, könnten sie noch mal von vorne anfangen, gar keine Kinder haben wollten. Für den Mut muss man ihnen in der Tat gratulieren. Selten haben sich Frauen dermaßen rücksichtslos über ihre eigenen Kinder geäußert, wie bei Donath des Langen und Breiten nachzulesen ist.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Kostproben gefällig? „Sogar noch heute, wo sie doch schon drei und fünf sind - wenn Sie mich schon danach fragen: Wenn ein kleiner Kobold käme und mich fragen würde: ,Soll ich sie wegnehmen, als ob nichts geschehen wäre?‘, würde ich ohne zu zögern Ja sagen.“ Eine andere sagt: „Ich könnte vollkommen auf sie verzichten. Wirklich. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.“ Gegen die unfassbare Brutalität und Herzlosigkeit dieser und anderer Äußerungen regte sich natürlich Protest, über den die Mütter sich dann wiederum scheinheilig wunderten. Aber was haben sie erwartet? Ein „Forum“ für dergleichen? Es ist nicht erstrebenswert, dass man so etwas in der Öffentlichkeit sagen kann, selbst anonym nicht.

          Am meisten irritierte, dass viele Debattiererinnen dann aber doch froh und erleichtert schienen: Endlich sagt’s mal jemand! Hurra, das Tabu ist gebrochen! So können nur die reden, die Elisabeth Badinter nicht gelesen haben, die, in der Nachfolge Simone de Beauvoirs, den mütterlichen Gefühlsirritationen und -schwankungen, die ja niemand wegdiskutieren will, mit historischer Tiefenschärfe auf den Grund gegangen ist. Ihr Buch „Die Mutterliebe“ (deutsch erstmals 1981) ist der Beweis dafür, dass man auch einem Thema, das fast zu persönlich und höchst unterschiedlich ausgeprägt ist, nur mit dem hohen intellektuellen Anspruch und der literaturhistorischen Informiertheit beikommen kann, die sie dabei an den Tag legt - und nicht, indem man Gedanken wiederkäut oder sich auf andere Soziologinnen beruft, die auch nur Stichproben genommen haben.

          Einheit von Kind und Mutterschaft

          Aber selbst wenn man Orna Donaths Laborversuch einen Erkenntniswert zubilligen wollte - was sollte daraus folgen? Die Antwort könnte nur politisch ausfallen, im Sinne einer Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen. Aber dazu hätten Donath und ihre Gesprächspartnerinnen über ihren Tellerrand hinausblicken müssen. Aus einer öden Aneinanderreihung immer gleicher Befunde und Argumente, die den Rahmen persönlichen Erlebens und Meinens an keiner Stelle verlässt, kann nichts folgen, was allgemein von Interesse wäre. Andernfalls gehorchte man der AfD-Logik „die Ängste und Sorgen der Leute ernst nehmen“. So etwas kann nicht Grundlage von Politik sein.

          Eine Frau, die ein Kind bekommen hat, ist Mutter. Die vielbeschworene, ja fast wie eine Errungenschaft behandelte „Reue“ bezieht sich auf etwas, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. „Lass es wegmachen“ - so etwas hilft hier nicht weiter. Insofern könnten die Mütter statt zum Psychiater auch zu einem Philosophen mit Schwerpunkt Logik gehen, der ihnen die Sache begreiflich macht. Aber sie werden lieber selbst spitzfindig und behaupten, ihre Reue beziehe sich allein auf die Mutterschaft, nicht auf die Kinder, die liebten sie „über alles“. Das halten sie für Ambivalenz. Man sollte es ihnen nicht durchgehen lassen. Elternschaft und Kind gehören sachlogisch zusammen, man kann das nicht voneinander trennen und folglich auch nicht das eine ablehnen, aber das andere wollen oder sogar lieben. Ein Kind ohne Mutter gibt es nicht.

          Drei Dimensionen der Mutterrolle

          Statt nun die Mütter auf Ungereimtheiten hinzuweisen, erfindet Orna Donath auch noch eine „Mutter von Niemand“. Wer ist dieser „Niemand“? Ein Kind, das man lieber nicht hätte und das man wegwünscht aus dieser Welt. Man muss nicht selbst eins haben, um eine solche Wunschvorstellung beunruhigend zu finden. Aber statt Mütter, die so reden, direkt beim Jugendamt zu verpfeifen, ermuntert Donath ihre Gesprächspartnerinnen eher noch dazu. Wie schlicht ihr Buch ist, merkt man erst, wenn man das von Elisabeth Badinter wieder zur Hand nimmt: „Die Mutter im geläufigen Wortsinne (also die verheiratete Frau, die eheliche Kinder hat) ist eine relative und dreidimensionale Persönlichkeit. Relativ, weil sie nur in Bezug auf den Vater und das Kind zu denken ist, dreidimensional, weil die Mutter über diese doppelte Beziehung hinaus auch eine Frau ist, also ein spezifisches Wesen mit eigenen Bestrebungen, die häufig mit denen des Mannes oder mit den Wünschen des Kindes nichts zu tun haben. Jede Untersuchung der mütterlichen Verhaltensweisen muß diesen verschiedenen Variablen Rechnung tragen.“

          Doch die Komplexität dessen, was wir synchron und diachron unter „Mutterschaft“ verstehen, bekommt Donath nicht annähernd in den Griff. Stattdessen wird die ganze Zeit ein „Muttermythos“, ja „biologische Tyrannei“ in Stellung gebracht, mit denen die „Gesellschaft“ angeblich jede geschlechtsreife Frau in die Mutterschaft hineintreibt. Donath macht dies für Israel geltend; hiesige Autorinnen, die es jetzt reichlich gibt, übertragen es umstandslos auf Deutschland.

          Wer es bereut, Kinder zu haben, hätte sich das vorher überlegen müssen; Anschauung gibt es genug. Und wer keine will, soll es bleiben lassen. In Deutschland wird inzwischen so getan, als gäbe es entweder nur Raben- oder überperfekte Mütter. Der Alltag aber ist grau, die meisten Gefühle sind gemischt. Deshalb erstaunt die Oberflächlichkeit der Analysen, mit denen die Überforderung der Mütter bewiesen werden soll: Sie wollten aus falschem Ehrgeiz alles selbst machen (backen, basteln) und nichts kaufen, daher die Zermürbung. Wenn’s weiter nichts ist.

          Selbstverwirklichung im Kind

          Mütterliche Eigenschaften wie Liebe und Fürsorge werden dabei mit abgewickelt: Sie seien eben gar nicht selbstverständlich. Selbst wenn sie bei einigen fehlen - schlimm genug, ein neues Leitbild sollte man daraus aber nicht ableiten. Es ist merkwürdig, dass eine Öffentlichkeit, die sonst jeden Fall von Kindervernachlässigung oder Schlimmerem breittritt, sich so etwas bieten lässt. Für jede subjektive Lage gibt es ein Forum, einen Buchmarkt, einen Debattenbedarf. Aber gibt es eigentlich auch noch Leute, die sich zusammenreißen? Man zitiert so gerne Adorno, bei manchen Leuten sei es schon eine Unverschämtheit, wenn sie „ich“ sagten - das war aber schon von Adorno eine inhumane Unverschämtheit -, und findet nichts dabei, wenn Mütter jetzt nur noch „ich, ich, ich“ sagen.

          Wir sehen gerade einen weiteren Versuch, an unhintergehbaren Lebenstatsachen herumzudeuten. Erst diskutierte man über Präimplantationsdiagnostik und die richtige genetische Ausstattung von Kindern; dann über die richtige Art zu sterben; und jetzt darüber, wie es wäre, kein Kind zu haben - alles Dinge, die der Mensch von Haus aus nicht im Griff hat. Zuletzt laufen alle diese Debatten darauf hinaus, sich darüber zu verständigen, was lebenswertes Leben ist: für ein Kind, für einen altern oder sterbenden Menschen. Und jetzt kommt plötzlich die Mutter, ein, bei aller zugestandenen Überlastung und Frustration, nicht annähernd so hilfloses Wesen.

          Man kann immer mehr in die Breite gehen und erhält doch nur gewöhnliches Geschwätz oder Gejammer, aus dem nur individuell etwas folgen kann. Im Grunde ist man auf metaphysische Fragen verwiesen, die sich weder bestätigen noch widerlegen lassen. Und da könnte man überlegen, ob es nicht einfach ein Irrtum ist, anzunehmen, das Leben wäre dazu da, sich selbst „zu verwirklichen“. Eltern kleiner Kinder haben diese Möglichkeit jedenfalls nur eingeschränkt. Aber auch das geht vorüber - ein Aspekt, der meistens außer Acht gelassen wird: Kinder wachsen, aus Sicht der Eltern, wahnsinnig schnell. Vielleicht haben Eltern kleiner Kinder, für diese befristete Zeit, auch gar kein Recht, sich zu verwirklichen; die Elternschaft ist doch auch eine Verwirklichung, wahrscheinlich sogar die Erfüllung eines (nicht jedes) Daseinszwecks.

          Die Kindheit bedauern?

          Aus dem Tierreich sind Fälle bekannt, in denen ein Elternteil, meistens allerdings tatsächlich die Mutter, für seinen Nachwuchs nicht nur sorgt, sondern sich buchstäblich für ihn aufopfert, sich verletzen oder töten lässt, um es zu schützen. Das haben Menschen heute kaum noch nötig. Könnte es nicht aber sein, dass die von Natur aus mitgegebene Form einer Aufopferung, die ja jetzt auch dauernd beschworen wird, verwandelt, auf einer weniger dramatischen Ebene im Menschen fortexistiert? Doch von Instinkten will niemand mehr etwas hören. So etwas gilt als „kulturelles Konzept eines biologischen Determinismus“.

          Es ist nicht das erste Mal, dass Dünnbrettbohrerei etwas hervorgebracht hat, was manche Leute für eine „Debatte“ halten. Aber diesmal ist es deswegen so empörend, weil es deutlich zu Lasten derer geht, die von ihr ausgeschlossen sind. Was ist, wenn die Kinder die absurden Statements eines Tages zu Gesicht bekommen? Mögen die Mütter einstweilen selbst sehen, wie sie da wieder herauskommen. Eine Regretting-childhood-Debatte, die ja noch folgen könnte, braucht jedenfalls niemand.

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