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Beppe Grillo und Italien : Wenn der Postenmann zweimal kungelt

  • -Aktualisiert am

Nach der Wahl wird in Italien wieder um Posten und Pfründen gefeilscht. Schafft es der erfolgreiche Populist Beppe Grillo, diesen politischen Viehmarkt zu beenden?

          Es gibt Menschen, die Probleme überhaupt erst schaffen, um sich dann dabei unersetzlich zu machen, diese Probleme wieder zu beseitigen. Genau das war seit Jahrzehnten die hohe Kunst italienischer Politiker: Alle paar Jahre wurde mit möglichst verwirrendem Modus ein möglichst zerstrittenes Parlament gewählt. Danach zogen sich die Granden, die meist gar nicht gewählt waren, ins Hinterzimmer zurück und kungelten einen Häuptling aus, der meist gar nicht kandidiert hatte. Oder man huldigte einem Medientribun, der kein einziges Problem löste, aber alle gut bezahlte.

          Berlusconis merkwürdiges Rechts- und Politikverständnis

          Nach dem erwartbar chaotischen Ergebnis ging diese große Oper - brillant einstudiert seit der Dauerherrschaft der Christdemokraten nach 1945 - erneut auf die Bühne. Berlusconi, der die Linken als kommunistische Landesverräter verteufelt hatte, wollte plötzlich liebend gerne mit ihnen regieren - Kunststück, denn nur mit deren Zugeständnissen kann sich der Cavaliere die Strafverfolgung vom Halse halten, die ihm sein merkwürdiges Rechts- und Politverständnis immer wieder einbrockt.

          Gleich nach der Wahl ging es wieder los: Vier Jahre Haft gefordert wegen Steuerbetrug; Vorladung zum Ruby-Prostitutions-Verfahren; Millionenfunde nach dem Lagerwechsel eines korrupten linken Abgeordneten vor ein paar Jahren. Um sich von diesen Sünden loszumachen, ist Berlusconi in die Intrigenpolitik gegangen. Kein Wunder, dass er will, dass es damit weitergeht.

          Geht „das alte Hurentheater“ jetzt weiter?

          Doch auch die Linken, grausam abgestraft für ihren alten Parteisoldaten Pier Luigi Bersani, kennen die Reflexe der Hinterzimmergeschäfte nur zu gut. Sie glauben zu wissen: Alle sind käuflich, wir schließlich auch. Keine 48 Stunden nach der Wahl kamen von Altgranden wie dem Obermephisto Massimo D’Alema denn auch die ersten Angebote für Beppe Grillos Radikalopposition: Hier ein Senatspräsident, dort ein Ministerium. Berlusconi hüpft auch noch mit ins Boot. Und dann der vorher abgewatschte Hoffnungsträger Matteo Renzi als Premier - obwohl doch gerade der gar nicht auf dem Wahlzettel stand.

          Es ist das „alte Hurentheater“, wie Grillo mit echtem politischen Instinkt repliziert: „Wir sind nicht auf dem Viehmarkt.“ Haben die Berufspolitiker denn nicht begriffen, dass wenigstens nach dem Willen der Grillini hier eine Epoche zu Ende gegangen ist? Und was bliebe in der Tat vom angeekelten Fundamentalprotest gegen die Dauerkungler, wenn seine „fünf Sterne“ sofort mit dem alten Postenschacher loslegen würden?

          Ein Spiegel von zwei Jahrzehnten mieser Politik

          Bleibt die unerbittliche Arithmetik, die genau das Schlamassel darstellt, das die Politiker vorher einem Außenstehenden wie Mario Monti überlassen hatten. Die Quittung für diese Faulheit: Jetzt geht im Land überhaupt nichts mehr. Keine Koalition, keine Duldung, keine Regierung, keine Verhandlungen. Und dabei wäre selbst bei einem faulen Kompromiss noch keine Spar- und Reformpolitik in Sicht, wie sie das Land dringend brauchte.

          Das erbärmliche Bild, das sich in Rom jetzt bietet, ist exakt die Spiegelung von mindestens zwei Jahrzehnten mieser Politik. Niemand konnte Silvio Berlusconi je rechtskräftig verurteilen; keine Partei wurde wirklich demokratisch reformiert, kein Klientelist bekam eine Strafe, kein Privilegierter der Politkaste wurde aus dem dicken Dienstwagen auf den Boden der Wirklichkeit zurückgeholt. Der Aufprall auf der Realität, der den Problemjongleuren jetzt bevorsteht, wird Italien noch sehr wehtun.

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