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Benjamin Carson : Agent des Schicksals

Neurochirurg Benjamin Carson Bild: AP

Der Chirurg Benjamin Carson hat mit aufsehenerregenden Operationen Siamesischer Zwillinge Neuland betreten. Dabei riskiert er viel - auch im Fall Lea und Tabea. Noch ist unklar, wer dadurch gewinnt.

          2 Min.

          Wie vor etwas mehr als einem Jahr mußte Benjamin Carson erschöpft und tief enttäuscht den Operationssaal verlassen. Niemand mochte mehr wissen - was vorher in Interviews breitgetreten worden war -, ob er Mozart oder Beethoven aus der eigens installierten Beschallungsanlage seines OP gehört oder wann er zum lieben Gott gesprochen hatte.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nein, genau wie damals, als er mit einem Kollegen in Singapur den Kampf für die neunundzwanzigjährigen iranischen Zwillinge Laleh und Ladan Bijani verloren geben mußte, stand vor allem diese eine Frage im Raum: Warum? Warum hat die kleine Tabea aus Lemgo nicht überlebt? Das knapp ein Jahr alte Mädchen, das in einer Marathonoperation mit einer mehrtägigen Unterbrechung von ihrer Schwester Lea am Kopf getrennt worden war, habe es "trotz aller Wiederbelebungsversuche" nicht geschafft. Leas Zustand sei kritisch aber stabil, immerhin.

          Erfolg bei Zwillingen aus Ulm

          Im berühmten Johns Hopkins Hospital in Baltimore, das war zwischen den Zeilen der noch arg lückenhaften Erklärungsversuche leicht zu erkennen, herrschte tiefe Trauer - und maßlose Enttäuschung. Denn Carson und sein Team gelten als Gewinner, als eine Mischung aus medizinischer Legende und Wunderheiler. Hoffnungsträger jedenfalls ist zu wenig. Im Jahre 1987, keine drei Jahre, nachdem er die Professur für Kinderneurochirurgie am Johns Hopkins übernommen hatte, trennte er die am Hinterkopf zusammengewachsenen Ulmer Zwillinge Patrick und Benjamin Binder. Nie zuvor hatten beide derart am Kopf zusammengewachsene Siamesische Zwillingen überlebt. Der damals sechsunddreißigjährige Carson wagte den Eingriff - und hatte Erfolg. Zumindest überlebten beide.

          Benjamin Carson operierte mehrfach Siamesische Zwillinge

          Drei weitere Trennungserfolge hatte Carson in den kommenden Jahren zu verbuchen. Vor allem die 1997 gelungene Trennung von zwei sambischen, nicht an der Kopfoberseite, sondern vertikal zusammengewachsenen Zwillinge, gründete seinen legendären Ruf. Stundenlang ohne zu zittern am Operationstisch stehen und ohne Präzisionsverlust die mikrochirurgischen Eingriffe vornehmen zu können, sagt er, sei eine gottgegebene Gnade, die ihn zu solchen medizinischen Großtaten geradezu verpflichte. Er nimmt in Kauf, was die Angehörigen selbstverständlich zu verdrängen versuchen: daß jede dieser Operationen natürlich ein Experiment ist. Die ersten Nierentransplantierten - und die Ärzte - mußten natürlich den wahrscheinlichen Tod der Operierten in Kauf nehmen.

          An vorderster Front

          Ebendiese ärztliche Rolle ist auch Carson aufgegeben. Die Aufgabe nämlich, Erfahrung zu sammeln. Jede Operation hat die Aussichten der nachgeborenen Siamesischen Zwillinge etwas verbessert. Sechzig am Kopf zusammengewachsene Paare sind inzwischen getrennt worden. Nur bei einem halben Dutzend soll es keinerlei Komplikationen gegeben haben. Unbestritten ist aber auch, daß die Chancen einer gelungenen Operation in den ersten beiden Lebensjahren der Zwillinge mittlerweile enorm gestiegen sind. Warum also sollte Carson, den seine Schulkameraden früher "Dummchen" genannt hatten und der seine harte, vaterlose Kindheit im Ghetto von Detroit als persönlichen Ausweis für Lebenswillen und Lebensmut in die Waagschale wirft, nachdenklich werden? Leas hoffentlich ungebrochener Lebenswille wird ihm Recht geben.

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