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Beluga-Linguistik : Moby Noc

Er spricht, wo Artgenossen hartnäckig schweigen: Noc, ein junger Weißwal, meldet sich zu Wort. Seine Botschaft: Raus aus meinem Becken.

          1 Min.

          Es ist lange her, dass die Menschheit zum ersten Mal geglaubt hat, ein Wal könne sprechen. Damals war der Prophet Jonas in das riesige Schlamassel der Innereien des Tieres geraten und musste dort drei Tage und Nächte ausharren. Die Selbstgespräche, die er in dieser doch recht langen Zeit ohne Licht und Nahrung begreiflicherweise führte, wurden nicht nur vernommen, sondern sogar erhört: Auf Gottes Geheiß spie der Wal Jonas wieder aus. Als 1892 einem amerikanischen Walfänger namens James Bartley dasselbe Missgeschick widerfuhr, blieben Mensch und Wal stumm, und auch die Hand Gottes rührte sich nicht, so dass die Besatzung des Walfangschiffes den Pottwal erlegen musste, bevor sie Bartley aus dem toten Tier wieder herausschneiden konnte. Der Matrose soll ohnmächtig, blass und von den Magensäften des Wales bereits ein wenig angesäuert gewesen sein.

          Erst knapp hundert Jahre später, nämlich 1984, gab es die nächste Walwortmeldung zu verzeichnen. Ein junger Beluga sprach mehrere Taucher, die in sein Becken in San Diego gekommen waren, schräg, aber unmissverständlich von der Seite an. Seitdem erforschen kalifornische Biologen das erstaunliche Sprachvermögen des auf den Namen Noc getauften Tieres. Moby Noc, wie man den Beluga aus Gründen des Respekts ansprechen sollte, hat den Forschern zufolge in seiner Gefangenschaft gelernt, durch Nutzung gewisser Muskeln und Höhlungen im Kopfbereich seine normale Stimmlage um etliche Oktaven zu senken und sie auch im Rhythmus der menschlichen Stimme verblüffend weit anzunähern.

          Folgen für die Weltliteratur

          Der Wal spricht also, und weil Wale gesellige Tiere sind, die ihren Nachwuchs bekanntlich in Walschulen aufziehen, dürfte Moby Noc kein Einzelfall sein. Vermutlich können alle Wale sprechen, ziehen es aber vor zu schweigen, mit Ausnahme von Moby Noc, dem in schwachen Momenten schon mal ein unbedachtes Wort entfährt. Die Folgen dieser Entdeckung für die Wale wie für die Menschheit sind noch gar nicht abzusehen, nur für die Weltliteratur stehen sie bereits fest: Das berühmte Epos vom großen weißen Wal muss komplett umgearbeitet werden, und wenn der Wal jetzt auch noch schreiben lernt, kann er gleich auch Melvilles unvollendeten letzten Roman über den Matrosen Billy Budd beenden. Das Wort, das Moby Noc an die Taucher gerichtet haben soll, lautete übrigens „Out!“, raus aus meinem Becken. Warum die große, die schweigende Mehrheit der Wale nicht mit uns Menschen spricht, kann man sich denken. Sie hält es mit der berühmten Formel von Melvilles Schreiber Bartleby: „Ich möchte lieber nicht.“

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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