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Bella Italia 2: Die Tortellini : Liebesverknotungen in Vallegio

  • -Aktualisiert am

Die Tortelli wurden in Valeggio sul Mincio, nahe dem Gardasee, erfunden Bild: Rainer Meyer

Einen Deutschen in Italien erkennt man sofort. Er beginnt nicht mit den Antipasti, sondern gleich mit der Pizza. Im Erfindungsort der Tortelli bleiben deutsche Essgewohnheiten ungestraft.

          Der Italiener an sich ist ein hilfsbereites und zuvorkommendes Wesen. Mit schier unendlicher Geduld arbeitet er daran, dem Deutschen die Kochkunst zu erklären, und er hat dabei große Erfolge gefeiert: vom Pizza-Fastfood über die angeblich schlank machende mediterrane Küche bis zum Ideal des Slow Food, das dem Mahl eine Bedeutung jenseits der Nahrungsaufnahme zuschreibt. „Genuss“ ist der Schlachtruf, mit dem Italien in deutsche Küchen und Restaurants einmarschiert und über die teutonisch fette Soße hinweggerollt ist, und wehe, man kann nicht zwischen Trüffeln aus der Poebene und der Toskana unterscheiden! Geht heute gar nicht mehr.

          Der Sieg ist aber noch nicht umfassend, solange sich der Deutsche im Restaurant der italienischen Speisefolge widersetzt. Mein bevorzugtes Restaurant in Peschiera del Garda sieht hier einen Erziehungsauftrag und schreibt explizit in die Karte: Zuerst die Antipasti, gefolgt vom ersten Gang, dann kommt der zweite, danach die Nachspeise und zum Schluss der Café. Der Deutsche liest, blättert weiter zur Pizza und vermeidet das Elend der radebrechenden Bestellung von Dingen, die er ohnehin nicht kennt. Obwohl die Grundstruktur der mediterranen Übervöllerei früher auch nördlich der Alpen gepflegt wurde, haben Mikrowelle und Kantinenessen den Deutschen von seiner eigenen Tradition und Körperfülle entfremdet. Er will nicht mehr vier Gänge, sondern ein Essen.

          Für die Auswanderung trainieren

          Mit dem Vegetarismus wird das alles noch schlimmer. Die beiden Hauptgänge sind zumeist Fleischgerichte oder aber Fisch, wenn man fragt, ob sie auch etwas „ohne Fleisch“ haben, si, si, natürlich, frisch erschlagene Krake oder elend erstickten Barsch, was man möchte. Und die Mode des Fleischverzichts breitet sich inzwischen auch in Italien aus. Vielen italienischen Familien mit jungen Töchtern ist das Augenverdrehen über diese komisch essenden Deutschen gründlich vergangen, denn der eigene Nachwuchs macht die gleichen Probleme. Ja, immer, auch wenn der Opa Geburtstag hat. Iss, Kind. Nein. Gemüse, ein Teller Nudeln, Nachspeise, das reicht ihr. Wie die Deutschen. Vielleicht trainiert sie schon für die Auswanderung, an die wegen der schlimmen Lage so viele junge Leute denken.

          Fatto a Mano: Handwerkskust für die Tafel Bilderstrecke

          Aber Italien wäre nicht das Land von blühenden EU-Ausgleichszitronen, wenn man nicht eine provisorische Lösung für das Problem hätte. Diese Lösung heißt „Valeggio sul Mincio“ (Valäättscho sul Minntscho, bitte stark tsch-en!) und ist ein idyllischer Ort zwanzig Kilometer südlich des Gardasees. Ein Ort, dessen ganze Existenz allein der hier gemachten Erfindung der Tortelli geschuldet ist - angeblich (wie mediterrane Küche angeblich auch schlank macht). Zur Erfindung der Tortelli gibt es eine hübsche Legende um die Liebe zwischen einem jungen Adligen und einer Wassernymphe, die ihm als Zeichen ihrer Verbindung ein geknotetes Tuch schenkte. Als die Nymphe als Hexe verbrannt werden sollte, floh der Adlige mit ihr ins Wasser des Flusses Mincio. Nur das geknotete Tuch blieb zurück, und nach diesem Knoten wurden dann die Tortelli geformt. Nicht einfach Nudeln, sondern Liebesknoten.

          Der Fluss, die Liebe und die Hingabe

          Und deshalb kann man in Valeggio in ein Restaurant gehen und ungestraft Dinge tun wie nirgendwo sonst. Drei Nudel-, pardon: Liebesknotengerichte nacheinander zum Beispiel. Oder auch vier. Niemand wird die Augen verdrehen, niemand wird sagen: diese Deutschen oder diese Vegetarier. Man wird sagen: ein Kenner! Ein Genießer! Ein Freund dieses Ortes! Ein Spezialist für unsere Spezialität!

          Sicher, man kann hier auch Fleisch bekommen, aber die Liebesknoten! Die sind kein erster Gang in Valeggio, die sind alles, der Fluss, die Liebe und die Hingabe an das Leben und das Essen. Deutsche Marotten fallen hier überhaupt nicht auf. Hier ist man eins im Rausch der Liebesknoten, die Verständigung ist süß wie die Kürbisfüllung, und alle Vorurteile ersaufen in zerlassener Butter. Nur als Nachspeise sollte man auch hier Panna cotta nehmen.

          (Ein Freund im sehr empfehlenswerten Restaurant Bue d’Oro zum Kellner: „Das ist die beste Panna cotta meines Lebens!“ Der Kellner darauf: „Ich weiß.“)

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