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Beliebt sein auf Facebook : Ach, ihr seid ein Radio?

  • -Aktualisiert am

„Grumpy Cat“ ist die Königin der Katzeninhalte. Ein Post mit dem notorisch schlecht gelaunten Tier eignet sich bestens zum Start in die Woche. Bild: picture alliance / AP Photo

Ein Radiosender, der im Mai 2013 als Ableger der britischen Virgin-Gruppe im Libanon auf Sendung ging, erreicht über die sozialen Netzwerke mittlerweile Nutzer auf der ganzen Welt. Über die Erfolgsformel für maximale Beliebtheit auf Facebook und Co.

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          Wer in den sozialen Netzwerken Erfolg haben will, der hält es am besten mit dem Slogan von Martin Sonneborns Satirepartei „Die Partei“. „Inhalte überwinden“ empfiehlt sich nicht nur dem Hobbypolitiker von heute, sondern auch dem Social Media-Manager von morgen.

          Die leicht überspitzte Behauptung, das Internet bestehe eigentlich zu 90 Prozent aus Pornografie und Katzenbildern und könne nur auf dieser Grundlage existieren, findet besonders auf den virtuellen Tummelplätzen der Netzgemeinde zunehmend Bestätigung. Wo seriöse Medienunternehmen es immer schwerer haben, ihre nachrichtlichen Inhalte zu verbreiten, reicht an anderer Stelle bereits ein stimmungsvoller Online-Trend in Bildform, „Meme“ genannt, um wahre „Like“-Kaskaden auszulösen.

          Geteilt wird, was gefällt

          Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der Radiosender Virgin Radio Lebanon. Seit Mitte 2013 sendet der Ableger der britischen Virgin Radio-Kette im Libanon und im Netz größtenteils aktuelle Popmusik, unterbrochen von Partyankündigungen und Urlaubsverlosungen. So weit, so unspektakulär, sollte man meinen. Ein Großteil der Sender, vor allem im Online-Bereich, funktioniert so oder ähnlich. Eine Besonderheit ist allerdings die Facebook-Seite des Unternehmens, die in dieser Woche die Marke von zwei Millionen Fans überschritt. Deutsche Sender mit ähnlich netzaffinen, jungen Hörerschaften wie 1Live in Nordrhein-Westfalen oder das Hörfunknetzwerk bigFM reichen noch nicht einmal an die 500.000 „Likes“ heran. Der Libanon hat dabei überhaupt nur knapp viereinhalb Millionen Einwohner.

          Was aber bewegt einen jungen Radiohörer irgendwo auf der Welt dazu, die Seite eines Partysenders mit Sitz im Libanon zu verfolgen? Scrollt man die Timeline des Auftrittes herunter, so sind es vor allem Bilder, die mit den Followern geteilt werden. Eine Pizza in Großaufnahme, ein paradiesischer Strand, oftmals versehen mit kurzen Botschaften in weißer Standardschrift, wie sie von Unterhaltungsseiten wie 9gag bekannt ist. Zum Wochenanfang gibt es ein schreiendes Kind im „Happy Monday“-Shirt, zwischendurch einfach mal eine süße Babyente. Zur „Midday Madness“ werden die Fans dann zum Beispiel aufgefordert, sich dabei zu filmen, wie sie in der Öffentlichkeit zu Musik tanzen, die nur sie hören können. Die verrückteste Einsendung hat Chancen ihrem Protagonisten einen Urlaub zu ermöglichen. Geteilt wird was gefällt, eine Verbindung zu Musik und aktuellen Shows gibt es so gut wie nie.

          Willkommen im Internet

          Es gibt guten Grund zur Annahme, dass ein nicht unerheblicher Teil der virtuellen Fans den Sender noch nie eingeschaltet hat. Die Zerstreuung aber, das Witzige und Unkomplizierte, das viele Nutzer auf Facebook finden wollen, das bietet diese wunderbar inhaltsleere Fanpage. Ein Nutzerkommentar bringt es auf den Punkt: „Ich weiß nichts über den Radiosender oder das Land Libanon, aber die Posts auf dieser Seite sind super.“ Unternehmen wie BuzzFeed, die gemeinhin als Zukunft des Onlinejournalismus gehandelt werden, setzen bewusst auf jene Zugkraft von Katzen, Kurzvideos und Top10-Listen um hochwertigere Inhalte finanzieren zu können. Investoren haben bereits angekündigt, das Konzept auch in Zukunft weiter zu unterstützen.

          Auch bei traditionellen Medienhäusern kommt man kaum mehr umhin, die Diskrepanz zwischen dem zu bemerken, was bei Facebook und Twitter geteilt wird um Nutzer auf die Seite zu locken und jenen Inhalten, die auf der Homepage tatsächlich prominent platziert sind. Bei Virgin Radio Lebanon gibt es diese Diskrepanz nicht. Minimaler Einsatz und Inhalt für die maximale Reichweite im sozialen Netzwerk sind die Erfolgsgaranten, daraus wird kein Hehl gemacht. Über 70.000 neue Fans innerhalb von 24 Stunden muten dennoch fast unheimlich an.

          Wer sich also das nächste Mal fragt, warum sich Facebook-Freunde plötzlich für den Libanon interessieren, die vorher allenfalls durch geteilte Lebensweisheiten und portraitierte Haustiere aufgefallen waren – Herzlich willkommen im Internet. So unverzichtbar wie Facebook, Twitter und Google+ für den modernen Medienbetrieb derzeit scheinen, man sollte darüber nachdenken, ob der Großteil der Leute in den sozialen Netzwerken nicht viel lieber sozial netzwerken will und nur aus Gewissensgründen zwei oder drei Nachrichtenseiten folgt. Vieles deutet darauf hin.

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