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Fritten als Weltkulturerbe : Dummfranken

Ob die Fritten wirklich das Zeug zum Weltkulturerbe haben? Bild: dpa

Die Belgier wollen jetzt ihre Fritten zum Weltkulturerbe machen. Das kann aber nicht davon ablenken, dass sie gemeinsam mit allen anderen Westeuropäern in der Grexit-Krise stecken und Athen aufzupeppeln versuchen: Der Dummfranke zahlt eben.

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          Man hört ja so einiges, wenn der Tag lang ist. Zum Beispiel reportiert der Deutschlandfunk, dass es seit einigen Jahren in Belgien eine „qualifizierende Ausbildung“ zum Pommesverkäufer gibt. Und weil die Frittenbude seit zehn Jahren eine Renaissance erlebt, geht Belgien jetzt einen Schritt weiter und möchte das Nationalgericht zum Unesco-Weltkulturerbe erheben lassen.

          Im rohstoffarmen Belgien ein schlauer Schachzug, weil das Emblem für den Tourismus hilfreich ist. Politisch ist Belgien aber so festgefahren, dass man der gemeinsamen Frittenpolitik nicht zutraut, den Riss zwischen Flamen und Wallonen heilen zu können. Überhaupt tut man der armen Kartoffel vielleicht einen Tort an, wenn man sie mit so viel Symbolgehalt auflädt. Hat ja in der Schweiz auch nicht funktioniert, wo der Röstigraben bis heute nicht überwunden ist. Apropos Moussaka: So trickreich wie die Belgier sind die Griechen schon lang, in der Disziplin Steuervermeidung sind sie europaweit Seriensieger. Auch deshalb, weil sie verlässliche Partner haben. Intime mitteleuropäische Kenner von Land und Leuten berichten von einem im Alltag geläufigen Spruch, den man in Lautschrift wohl so schreiben würde: „Ho kutófrankos plironi.“ Was übersetzt heißt: „Der Dummfranke zahlt.“

          Damit keine Missverständnisse aufkommen: Mit den geschätzten Ober-, Mittel- und Unterfranken aus dem Mautstaat Bayern hat das nichts zu tun, es ist die griechische Bezeichnung für den Westeuropäer im Allgemeinen. Dieses ewige Berufen auf Genpool und Tradition hat schon vor zweitausend Jahren genervt. Bei Appian, der über die Schlacht von Pharsalos schreibt, die im Jahr 48 vor Christus stattfand, kann man nachlesen, was der siegreiche Cäsar nach der Schlacht den Athenern sagte, die mal wieder auf der falschen Seite – nämlich auf der des Verlierers Pompeius – gestanden hatten: „Wie oft soll der Ruhm eurer Ahnen euch noch vor der Selbstzerstörung retten?“ Man kann gegen Cäsar einiges vorbringen, aber von Belgiern und Griechen verstand er was.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

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