https://www.faz.net/-gqz-7kce0

Belgien als Vorbild : Kinderwunder nebenan

  • -Aktualisiert am

Für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie ist ein gutes Betreuungsangebot unerlässlich Bild: dpa

Warum bekommen Frauen im belgischen Eupen und Malmedy mehr Babys als ihre deutschen Nachbarinnen? Eine Studie zeigt, dass die Entscheidung für oder gegen Nachwuchs von ganz handfesten Faktoren abhängt.

          3 Min.

          Wer in Deutschland arbeitet und Kinder hat, weiß, dass die Zeit nicht linear, sondern am späten Nachmittag verflixt ungünstig gekrümmt verläuft. Anders ist nicht zu erklären, wieso man am Arbeitsplatz skandalös früh und unter Gemurmel und Kopfschütteln der KollegInnen aufbricht – Sie müssen schon gehen? – und nach größter Eile im Kindergarten oder Hort ebenso skandalös spät eintrifft: Alle Stühle auf den Tischen, ein stummer Vorwurf im Raum: das Kind so besonders klein und als letztes abgeholt. Man macht sich im Kopf schon eine Notiz für die später sicher nötigen Therapiestunden des armen Kindes. Kinderbetreuung in Westdeutschland ist immer noch eine heroische Aufgabe der individuellen Organisation, es ist, als wäre man der Erste, der vor diesem Problem steht.

          Die permanente Frage an berufstätige Eltern ist: „Wie schafft ihr das?“ – als sei ihre Existenzform eine waghalsige Zirkusnummer, und im Alltag fühlt sie sich tatsächlich auch oft genug so an. Hat solch eine mangelnde Selbstverständlichkeit der guten Betreuung nun eine Auswirkung auf die Zahl der Kinder, die die Deutschen bekommen? Lange war das nicht ganz klar. Vielen schien es auch eine kulturelle Besonderheit zu sein, dass in Deutschland öfter eine Entscheidung gegen mehr Kinder fällt. Nun beleuchtet eine Studie des Max Planck Instituts für Demografische Forschung diese Frage aus einer originellen Perspektive. Für die Untersuchung wurde die Bevölkerungsentwicklung in Eupen und Malmedy, der deutschsprachigen Region Belgiens, analysiert. Die dort lebenden Frauen sprechen deutsch, teilen bei den Themen Familie und Gesellschaft ähnliche Werte wie ihre deutschen Nachbarn und schauen deutsches Fernsehen.

          Die Betreuung macht den Unterschied

          Wenn es also kulturelle Gründe für eine niedrige Kinderzahl oder für Kinderlosigkeit in Deutschland gibt, dann sollten sie sich auch in dieser Region auswirken. Die Autoren der in der „Population and Development Review“ publizierten Studie, Sebastian Klüsener, Karel Neels und Michaela Kreyenfeld, untersuchten Frauen der Geburtsjahrgänge 1935 bis 1959 mit Hilfe der Daten des belgischen Zensus 2001 und des deutschen Mikrozensus 2008. Sie stellten fest, dass sich die deutschsprachigen Belgierinnen nicht dem deutschen Geburtentrend angepasst hatten. Ihre Fertilität entsprach vielmehr der günstigeren belgischen. Insbesondere der Schritt von zwei zu drei Kindern wurde häufiger vollzogen als in Deutschland.

          Und das hat einfache Gründe: In Belgien gibt es gute, weitverbreitete und allgemein genutzte vorschulische Betreuungseinrichtungen sogar schon für die ganz Kleinen und eine etablierte schulische Nachmittagsbetreuung. Zu Beginn des Jahrtausends waren in Belgien zwei Drittel der Mütter eines kleinen Kindes von unter zwei Jahren berufstätig, in den westdeutschen Ländern aber nur ein Drittel dieser Mütter. Die gut ausgebildeten Frauen bekamen in Belgien genau so viele Kinder wie die weniger gut ausgebildeten, während in Deutschland die Anzahl der Kinder mit steigendem Bildungsgrad der Mutter drastisch sinkt. Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Belgien scheint also ein entscheidendes Argument für eine höhere Kinderzahl zu sein, halten die Autoren der Studie fest.

          Mehr Zeit für die Familie

          Man kann angesichts dieser Erkenntnisse auch feststellen, dass es diese Routine ist, das Aufeinandereingespieltsein von Kinderbetreuungseinrichtungen, Arbeitsplatz und Kultur, was die Entscheidung für Kinder erleichtert. In Belgien ist es eben, wie in Frankreich auch, schon seit den Zeiten des kleinen Nick so, dass die Kinder gemeinsam Mittag essen und die Nachmittage zusammen verbringen. Werdende Eltern, die ohnehin genug um die Ohren haben, müssen das nicht jedes Mal neu erfinden. Auch eine reduzierte gesetzliche Arbeitszeit wie in Frankreich erleichtert die Entscheidung für Kinder. Was wurden die Franzosen nicht kritisiert für die 35-Stunden-Woche – doch seriöse Politiker sehen darin eben eine zwar sicher kostspielige, aber auch sinnvolle Investition in die demographische Zukunft. Und die ist kein Politikfeld, auf dem sich beliebig Ersatz beschaffen ließe: Kinder, die die Leute nicht bekommen wollen, fehlen dem Staat später an allen Ecken und Enden

          Arbeitszeitverkürzung und eine Routine in der guten Betreuung könnten für eine Trendumkehr sorgen. Wenn alle weniger arbeiten, ist es eben kein Ausweis eines kuriosen, allenfalls tolerierten Hobbys, wenn sich ein Kollege oder eine Kollegin um Kinder kümmert und deswegen früher losmuss – sondern die Normalität. Eltern wollen und müssen arbeiten, aber sie möchten auch ihre Kinder sehen und haben keine Lust, immer Verhandlungen führen zu müssen, wenn irgendwas Unvorhergesehenes passiert am Arbeitsplatz oder bei dem Kind, denn dieses Chaos ist ja doch die Regel.

          Weitere Themen

          Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane Video-Seite öffnen

          Festnahme : Künstler isst 120.000 Dollar teure Banane

          Auf der Art Basel in Miami hat ein Performance-Künstler eine an die Wand geklebte Banane aufgegessen, die ein Werk des Italieners Maurizio Cattelan und bereits für einen sechsstelligen Betrag verkauft worden war.

          Topmeldungen

          Das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine

          Europas „Green Deal“ : EU will bis 2050 Klimaneutralität erreichen

          Am Mittwoch will die EU ihren „Green Deal“ vorstellen, nach dem Europa bis 2050 klimaneutral werden soll. Voraussetzung ist der Kohleausstieg aller Länder. Für die vom Strukturwandel besonders betroffenen Regionen soll es Übergangshilfen geben.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.