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Forschung in Belarus : Die Uni im Hinterhof

  • -Aktualisiert am

Vertreter der belarussischen Community in Polen demonstrieren vor der Universität Warschau. Bild: dpa

Seit Beginn des akademischen Jahres gehörten maskierte Sicherheitskräfte in Belarus zum Alltag des Hochschulbetriebs. Jetzt drohen den Wissenschaftlern Haft und Entlassung.

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          Bei den Protestmärschen vom Wochenende wurden in Minsk auch die Philosophin Olga Shparaga, die das European College for Liberal Arts in Belarus gegründet hat, und ihr Mann festgenommen und in unterschiedliche Gefängnisse gesperrt. Am Montag kamen beide frei, mit der Auflage, später vor Gericht zu erscheinen. Shparaga gehört zum Koordinationsrat der belarussischen Opposition. In ihrem College, wo junge Erwachsene in Abendseminaren Abschlüsse in Soziologie, Gender-Forschung, Stadtanthropologie und angewandter Geschichte machen können, forscht sie über Gesellschaft als horizontale Form der Kommunikation. Shparaga ist eine Wortführerin der neuen Formen von Solidarisierung in Belarus.

          Seit Beginn des akademischen Jahres gehörten maskierte Sicherheitskräfte zum Alltag des Hochschulbetriebs. Schon am 1. September lösten sie eine Versammlung von Studenten auf, die im Eingang der Staatlichen Linguistischen Universität in Minsk aus Protest gegen staatliche Gewalt Lieder sangen. Dennoch ziehen jede Woche Studenten aus Protest gegen Wahlfälschung und Gewalt durch Minsk. Viele ihrer Dozenten bekunden in Videos ihre Solidarität. Drei Dutzend Mathematiker der Belarussischen Staatsuniversität tun das besonders deutlich: „Man kann Wähler belügen, doch die Regeln der Statistik lassen sich nicht umgehen“, sagt Alexander Kuschnerow. Sein Kollege Sergej Bondarew erklärt: „Es wird nicht gelingen, ein Gleichheitszeichen zwischen Wahrheit und Gewalt zu setzen.“ Das Selbstverständliche hat derzeit eine besondere Bedeutung. So wird der Satz des Mathematikers Oleg Jablonski eine politische Stellungnahme: „Dass das Recht für alle gleichermaßen gilt, ist ein Axiom.“ Die Mathematiker treten mit Klarnamen an die Öffentlichkeit, beziehen offen Position gegen die Grenzüberschreitungen der staatlichen Machtvertikale, die sich auch durch die Universitäten zieht. Dafür muss jeder von ihnen mit Repressionen rechnen.

          Die politische Krise wird ökonomisch

          An der Nationalen Akademie der Wissenschaften herrscht Verunsicherung. Einerseits demonstrieren vor dem Gebäude jede Woche wissenschaftliche Mitarbeiter für die Freilassung ihrer verhafteten Kollegen. Zugleich hat die Akademieleitung intern angekündigt, zum Jahresende im Rahmen einer Reform alle Institute zu evaluieren, um die Stellenzahl zu kürzen. Die politische Krise wird als ökonomische an die Wissenschaft weitergegeben. Unter dem Etikett „Reform“ dürften nicht nur Kürzungen, sondern auch Säuberungen unter politischen Gesichtspunkten geplant sein. Auch die Schließung ganzer Institute erscheint derzeit möglich.

          Zugleich entwickeln sich im Zug einer neuen horizontalen Kultur der Solidarität neue Formen öffentlicher Wissenschaftsvermittlung. In den Hofgemeinschaften, die sich im August überall in Minsk mit Hilfe sozialer Netzwerke bildeten, veranstaltet die „Fliegende Universität“ Bildungsprogramme. Die Anwohner, die vor allem die aktuelle Situation besser verstehen wollen, fragen selbst die Themen an. In einem zentrumsnahen Hof sprach der Mittelalterhistoriker Henads Sahanowitsch über historische Erfahrungen der Selbstorganisation in Städten, die einst zum Großfürstentum Litauen und heute zu Belarus gehören. In einem Neubaugebiet erklärte Irina Romanova von der Europäischen Humanistischen Universität in Wilna, was ihre Forschungen über die sowjetischen Repressionen um 1937/38 mit den heutigen Folterungen in belarussischen Gefängnissen zu tun haben. Ordnungshüter lösten Romanovas Veranstaltung auf. In einer Schlafstadt hielt der Politologe Andrej Kasakewitsch einen Vortrag über die institutionelle Struktur der Republik Belarus, bevor 1994 Alexander Lukaschenka zum Präsidenten gewählt wurde. Die Anwohner haben den Hof, wo Kasakewitsch sprach, auf „Platz der Einheit“ getauft.

          Doch für Wissenschaftler, die ihre Anstellung in Belarus verloren haben, beginnt jetzt auch die Suche nach kurzfristiger Unterstützung. Universitäten in Litauen und Polen haben schon eigene Stipendienprogramme angekündigt. In Deutschland sammelt die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde Unterstützungsangebote für Wissenschaftler in Not. Über die Überbrückung des akademischen Jahres hinaus stellt sich für viele aber auch die Frage nach einer mittelfristigen Perspektive. Während nach früheren Säuberungswellen in Belarus zahlreiche Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Disziplinen von dort in Polen Anschluss finden konnten, ist offensichtlich das deutsche akademische System auf die durch Flucht erzwungene Europäisierung der Forschung noch höchst ungenügend eingestellt.

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