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Béla Tarrs „Das Turiner Pferd“ : Sechs Tage bis zum Weltuntergang

Der Horizont ist verschlossen, der Brunnen versiegt, uns bleibt nur die Kunst: Erika Bók als ungarische Bäuerin in Béla Tarrs Film Bild: zero fiction

Herz der Finsternis und ästhetische Offenbarung: In Béla Tarrs meisterlichem Film „Das Turiner Pferd“ wird der Reichtum der abendländischen Kunst in die öde Wohnzimmerstube hineingeholt.

          4 Min.

          Ein Hügel im Sturm, darauf ein einzelner Baum. Von rechts nähert sich eine Prozession: Eine Frau zieht einen Karren, dahinter gehen ein alter Mann und ein Pferd. Sie verschwinden hinter dem Horizont, man sieht nur noch den Baum, sehr nah und groß, hinter wirbelnden Blättern und Staub. Nach ein paar Augenblicken kehrt die Gruppe mit dem Karren zurück und zieht auf demselben Weg den Hügel herab, langsam, erschöpft; und auch die Kamera tritt die Rückzug an, bis die Landschaft wieder wie am Anfang daliegt, sturmumtost, kahl, einsam und leer.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der dramatische Höhepunkt von Béla Tarrs Film „Das Turiner Pferd“ ist eine gescheiterte Flucht - der letzte Versuch des Bauern Ohlsdorfer und seiner Tochter, ihrem Schicksal zu entkommen, dem bitteren Los, das in die verdorrte Landschaft um ihren Hof herum eingeschrieben ist. Zuvor hat man sie ihre Sachen packen und aufladen gesehen, Vorräte, Schnaps, ein Hemd und eine Hose, etwas Leibwäsche und eine gerahmte Frauenfotografie; aber es hat alles nichts geholfen, die Müdigkeit war stärker, die Kälte, der Sturm, und vielleicht gibt es auch keinen Ort mehr hinter dem Horizont, wohin man fliehen könnte, keine Städte, keine Welt.

          Es gibt nichts zu lachen, aber viel zu sehen

          Wenn der ungarische Regisseur Tarr erklärt, nach dem „Turiner Pferd“ wolle er seinen Beruf an den Nagel hängen, dann klingt diese Ankündigung, anders als bei seinen Kollegen Steven Soderbergh oder Mel Gibson, nicht nach Koketterie; vielmehr wirkt sie wie die notwendige Konsequenz seiner filmischen Arbeit. Denn am letzten der sechs apokalyptischen Tage, von denen „Das Turiner Pferd“ erzählt, gibt es keine Hoffnung mehr - der Brunnen ist versiegt, das Feuer erloschen, das Zugtier weigert sich zu ziehen, die Welt geht aus wie eine Kerze. Ein Film, der hier weitermachen wollte, müsste eine Art Schöpfungsakt vollbringen, er müsste die Zeit umkehren, so wie Tarr selbst in seinem siebenstündigen „Satanstango“ von 1994 die Zeit der Erzählung umgekehrt hat. Ein zweites Mal jedoch scheint der Regisseur zu diesem Trick nicht greifen zu wollen. So setzt sein „Turiner Pferd“ einen dicken schwarzen Punkt.

          Es gibt also nichts zu lachen in diesem Film. Dafür gibt es umso mehr zu sehen. Die Geschichte trägt kein Datum, aber aus den Kleidern, Möbeln und Utensilien der Ohlsdorfers kann man schließen, dass sie gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts spielt - ungefähr zu der Zeit, als der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche, der Denker des „Willens zur Macht“, kurz vor seinem geistigen Zusammenbruch in Turin ein Kutschpferd umarmte, das von seinem Herrn ausgepeitscht worden war. Die Episode ist durch Nietzsches Zimmerwirt bezeugt, und Gottfried Benn, der die Zahl der Pferde aus Reimgründen verdoppelte, hat darüber ein Gedicht geschrieben: „Indes Europas Edelfäule / an Pau, Bayreuth und Epsom sog, / umarmte er zwei Droschkengäule, / bis ihn sein Wirt nach Hause zog.“ Was aus Nietzsche nach der Umarmung wurde, ist bekannt: Er verbrachte die restlichen zwölf Jahre seines Lebens als Pflegefall in Jena und Weimar. Über das Pferd hingegen weiß man nichts, und hier setzt Béla Tarrs Film an.

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