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Reisebekanntschaften : Bekenntnisse im Urlaub

Wiedersehen macht Freude: Reise per Motorroller Bild: Picture-Alliance

Klartext am Strand: Das Gesetz des Wiedersehens verhindert manchmal das offene Wort. Anders im Urlaub. Hier kann es zu überraschenden Offenbarungen kommen.

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          Es bleibt ja so viel Ungesagtes unter der Decke. Das Gesetz des Wiedersehens verhindert in aller Regel, sich locker zu machen und wirklich das mitzuteilen, was zu sagen drängt, die ganze Wahrheit sozusagen, ohne Blatt vor dem Mund und urschreimäßig rausgelassen. Es ist bald zehn Jahre her, dass ein Kanzleramtschef zu einem Fraktionskollegen sagte: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“

          Was mag da alles aufgestaut gewesen sein, drunter gelegen haben, mit dem Sprecher gemacht haben und so weiter, damit ein derartiger Satz sich in der politischen Zwangsveranstaltung Bahn brechen konnte. Tiefenentspannung geht anders! Der explosive, von Gesichtern verfolgte Mann verschwand dann auch bald in der Versenkung, sprich wurde Vorstand bei einer bundeseigenen Aktiengesellschaft. Zumindest verringerte sich durch diesen Sphärenwechsel die Wahrscheinlichkeit, dass Täter und Opfer sich wiedersehen. Die beiden erinnern einander vermutlich nur wie an eine ferne Urlaubsbegegnung oder, um im Bild zu bleiben: Niemand braucht sich die Fresse des anderen noch einmal anzutun.

          Das große Hineinsteigern

          Es gibt erbaulichere Beispiele für plötzliche Konfessionen als die fauligen Betriebsbläschen seelischer Tümpel. Manchmal genügt die Einbildung, seelenverwandt zu sein, um von jetzt auf gleich den Strom der biographischen Erzählung auszulösen mit all ihren kathartischen Wirkungen. So etwas geht eigentlich nur im Urlaub, meinte der Soziologe Georg Simmel. Tatsächlich steht man dort, im Urlaub, absehbar nicht unter dem Gesetz des Wiedersehens; man trifft die Leute, mit denen man zufällig am Strand liegt, nicht übermorgen im Büro wieder.

          Deshalb lassen sich in solchen Punktualitäten alle Bekenntnisse und Sehnsüchte ausdrücken, an die man später nicht mehr erinnert werden möchte. Und es entsteht dieses intensive Gerede, so analytisch wie euphorisch, dieses große Hineinsteigern in höchst perspektivische Wahrnehmungen, die fürs Ganze genommen werden. Dabei geraten die Redenden, so Simmel, „in innere Unsicherheiten, in denen sie der einmal angeregten Intimität oder Konfession nicht mehr Halt gebieten können, sondern diese, als wäre sie auf eine schiefe Ebene geraten, bis ans Ende rollen lassen“. Gerade in ihrer Flüchtigkeit verlocke die Urlaubsbegegnung „zu haltloser Nachgiebigkeit gegen den Äußerungstrieb“.

          Mit neuen Augen sehen

          Dahinter macht sich die Suggestion breit, entlang der eigenen Rede-Regie noch einmal ein anderer Mensch sein zu können. So dass jemand mehr von seinen ungelebten Möglichkeiten her verstanden wird als von den bekannten abgelebten Sachen. Dieses „illusionäre Zuviel“ (Simmel), das manchen Urlaubsgesprächen zukommt, ist nicht vorhaltbar. Vielmehr wert, in den Alltag hinübergerettet zu werden.

          Statt unter den immer selben Gesichtern zu leiden, kann man sie mit neuen Augen zu sehen versuchen. Das heißt, sie beim Wiedersehen gar nicht wiedererkennen wollen. Sondern in ihnen – aus einer höher aggregierten, nie enden wollenden Urlaubslaune heraus – andere Menschen sehen, als sie sind.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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