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Beisetzung Milosevics : Am Seitenausgang der Geschichte

Abschiedskuß Bild: AP

Manche kommen aus Verehrung, andere aus Trotz. Vor allem Rentner erweisen ihrem aufgebahrten Präsidenten die letzte Ehre. Am Sarg von Slobodan Milosevic, der an diesem Samstag beigesetzt wird, versammeln sich die Verlierer des demokratischen Aufbruchs in Serbien.

          3 Min.

          Die Marketender haben gute Zeiten jetzt. Sie stehen unten vor dem Belgrader Museum der Revolution und verkaufen großserbische Devotionalien. Die Fotoplakette mit schwarzem Trauerstreifen für fünfzig Dinar das Stück findet am meisten Käufer. Einige kaufen auch rote Rosen oder Kerzen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Der junge Mann, der Bücher über den bosnisch-serbischen Massakergeneral Mladic verkauft, hat es nicht so leicht - 400 Dinar will er für eine Biographie des untergetauchten Schlächters von Srebrenica haben, etwa viereinhalb Euro. Das ist zuviel für die meisten hier.

          Denn die gekommen sind, ihrem oben im Museum aufgebahrten Präsidenten eine letzte Ehre zu erweisen, gehören unübersehbar nicht zu den Gewinnern des demokratischen Aufbruchs vom 5. Oktober 2000, als andere Serben das Parlament in Belgrad stürmten und den Herrscher stürzten. Es sind vor allem Rentner, und vielen der wenigen Jüngeren sieht man an, daß sie sich keinen freien Tag nehmen mußten, um hierherzukommen.

          Abschiedskuß Bilderstrecke

          Anstellen in der Schlange

          Ein Bus kommt an mit Kennzeichen Novi Sad. Knapp zwei Stunden sind die Leute aus der Vojvodina hierhergefahren, nun stehen sie unten an der Straße und sehen hinauf zum Museum. Dort liegt er. Zu ihm wollen sie nicht nur, weil sie ihn verehren, sondern auch aus Trotz - weil sie wissen, daß die jetzige Regierung das nicht gerne sieht. Schließlich hat auch ein Mensch, der unwürdig gelebt hat, das Recht auf eine würdige Beerdigung.

          Die Gruppe aus Novi Sad steht noch eine Weile neben dem Bus. Zigarettenpause am Boulevard des Friedens. Zwischen den Männern kurze Plauderei über Fußball, denn auf der anderen Seite des Boulevards liegt das Stadion von Partisan, kaum zweihundert Meter weiter das von Roter Stern Belgrad. Dort am Kreisverkehr versucht ein Polizist wie jeden Tag, mit seiner Trillerpfeife das Verkehrschaos zu regeln. Je mehr der Verkehr stockt, desto hektischer pfeift er. Wie ein hysterischer Vogel.

          Die Zigaretten werden bis an den Filter aufgeraucht, dann geht es nach oben. Anstellen in der Schlange. Das untrügliche akustische Zeichen für große Medienpräsenz in einem Krisengebiet liegt über der Szene - es ist das Brummen der Dieselgeneratoren, die die Übertragungswagen der Fernsehstationen mit Strom versorgen. CNN ist auch hier, das alles geschieht also wirklich.

          Belgrader Boulevardzeitung: „Ermordet“

          In der Eingangshalle des Museums stehen zwei ehemalige Staatskarossen Titos. Weil das profan aussieht, hat man sie mit weißen Laken zugedeckt. Darauf hat jemand die Montagsausgabe einer Belgrader Boulevardzeitung drapiert, auf deren Titel ein großes Foto des Verstorbenen zu sehen ist mit der Zeile: „Ermordet“.

          Ein Mann in der Schlange trägt eine Armeeuniform aus der Zeit des serbischen Kampfes gegen die Osmanen. Es geht eine Treppe hoch. Dann Eintritt in den großen Saal im ersten Stock. In der Mitte der geschlossene Sarg, daneben Blumen, vier Männer halten die Ehrenwache. Es geht zügig voran. Die meisten verneigen sich kurz, einige berühren den Katafalk oder das gerahmte Porträtfoto davor. Danach geht es hinter dem Sarg wieder hinaus, die Treppe hinunter.

          Eine Frau bricht in einen Weinkrampf aus. Ein Ordner führt sie zur Seite und bietet ihr einen Stuhl an, aber es dauert einige Minuten, bis sie wieder zu sich kommt. Dann ist der historische Augenblick auch schon vorbei. Die Trauernden verlassen die Geschichte durch einen Seiteneingang. Am Ende eines engen Ganges leuchtet die Vormittagssonne. Der Gang ist vollgeräumt mit Exponaten, die offenbar in aller Eile aus dem Ausstellungsraum geräumt werden mußten. Vorbei an Metallkisten und Stapeln alter Filmrollen geht es nach draußen.

          Milosevic-Plakette am Jackett

          Die Leute aus Novi Sad machen wieder Zigarettenpause. Obwohl das Ganze eigentlich nicht lange gedauert hat, kaum zwanzig Minuten. Wer am Samstag im Hauptpostamt eine Telefonrechnung bezahlen oder am Bahnhof eine Fahrkarte lösen will, muß oft länger warten. Hunderttausende werde man auf die Straßen bringen, haben Funktionäre von Milosevics Sozialistischer Partei nach dessen Tod siegesbewußt angekündigt.

          Danach sieht es bisher nicht aus. Manche hier neben dem Museum der Revolution scheinen deshalb enttäuscht zu sein. Als Tito damals im Jugoslawischen Parlament aufgebahrt war, habe er drei Stunden gewartet, sagt ein Mann mit ungültigen Orden und der Milosevic-Plakette für fünfzig Dinar am Jackett. Vielleicht trösten sich einige mit der Hoffnung, daß am Nachmittag mehr Leute kommen.

          Protest gegen die Aufbahrung

          Titos Ehrengrab liegt gleich nebenan, doch niemand geht hin. Normalerweise ist die Gedenkstätte für den Vater des zweiten Jugoslawien jeden Tag außer montags von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Heute ist sie geschlossen. Die Direktorin des Museums will nicht, daß Tito und Milosevic miteinander in Verbindung gebracht werden.

          „Der eine war der Gründer Jugoslawiens, der andere hat es zerstört“, sagt eine Frau von der Museumsverwaltung, die gegen die Aufbahrung Milosevics in ihren Räumen energisch protestiert hat. Die Minderheitsregierung von Ministerpräsident Kostunica, die im Parlament von Milosevics Sozialisten geduldet wird, hat es dennoch durchgesetzt.

          Zurück zum Bus. Einige Alte werden von Jüngeren gestützt, damit sie nicht ausrutschen im Schneematsch. Manche der Frauen schluchzen. Männer weinen nicht. Aufgeschnappte Gesprächsfetzen. Jetzt gibt es keinen mehr, der die Serben schützt, sagt jemand. Der neben ihm nickt und tritt fast in eine Pfütze mit Schmelzwasser. „Ein großer Serbe ist gestorben“, sagt ein anderer. Zustimmendes Schweigen der Gruppe. Tauwetter in Belgrad. Aber nicht für sie.

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