https://www.faz.net/-gqz-u9jt

Beim Privatsekretär des Papstes : Georg Gänswein: Der Diener zweier Herren

Vielerlei Aufgaben: Georg Gänswein behütet den Papst Bild: AP

Georg Gänswein ist ein Schwarm der Massenmedien, das Traumbild eines Priesters, der die Damenwelt in Verzückung geraten lässt - und der Privatsekretär Benedikts XVI. Hannes Hintermeier hat „Don Giorgio“ in Rom besucht.

          Oberstleutnant Jean Daniel Pitteloud ist ein äußerst zuvorkommender Mann. Der schmale Schweizer steht zur vereinbarten Zeit an der Pforte Sant' Anna im Vatikan und erweckt den Eindruck, als könnte ihm nichts eine größere Freude bereiten, als den Gast an seinen Bestimmungsort zu bringen. Ein Zauberwort hat genügt, um Einlass zu finden: Don Giorgio. Aber bei allem charmanten Geplauder vergisst er nie, seine Umgebung zu mustern und auf verdächtige Bewegungen hin zu untersuchen. Der studierte Jurist aus dem Waadtland ist der zweite Mann der Schweizer Garde, er kommandiert das französischsprachige zweite Geschwader.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Beinahe unmerklich vermittelt er das Gefühl, man sei gerade Teil einer eminenten Mission. Dieses Gefühl verstärkt sich, als wir nach Durchquerung eines Innenhofs im zweiten Stock in einen zweiten Lift steigen, der uns in der „Seconda Loggia“ entlässt. Tagsüber bedienen Livrierte den Aufzug, aber jetzt am Abend sind wir hier allein auf weiten Fluren. Der zweite Stock des päpstlichen Palastes birgt die Herzkammer der vatikanischen Diplomatie. Audienzsäle, Kabinette, Büros, festgeschriebene Wege zum Heiligen Vater und wieder fort von ihm, ohne den nächsten Besucher zu Gesicht zu bekommen.

          Der Oberstleutnant verabschiedet sich, ein Diener in hellgrauem Frack erwartet den Besucher am Eingang zur Sala Clementina. In diesem Saal empfängt der Papst üblicherweise größere Gruppen bei Privataudienzen. Gut ein halbes Tausend Gläubige findet hier Platz. So viel zur Privatheit. Aber beim obersten Vertreter einer Milliarde Katholiken muss man andere Maßstäbe anlegen. Ein Wunder, dass er mit nur einem Privatsekretär auskommt.

          Er gilt als der schönste Mann im Vatikan

          Traumbild eines Priesters

          Dieser steht nun lächelnd unter der breiten Flügeltür: der hochwürdige Herr Prälat Dr. Georg Gänswein alias Don Giorgio. Schwarm der Massenmedien, Traumbild eines Priesters, der die Damenwelt in Verzückung geraten lässt. Ein attraktiver Vertreter seines Geschlechts, die beste Werbung für die Generation fünfzig plus (nun gut, Gänswein ist noch nicht einmal einundfünfzig). Gardemaß, graumeliert, gertenschlank, schwarzer Talar, leuchtend rote Seidenschärpe, Manschetten zum blütenweißen Hemd, eine schlichte goldene Armbanduhr mit Lederband, kein Ring. Dass er schon zwölf Stunden Arbeit hinter sich und noch mehrere vor sich hat, sieht man ihm nicht an.

          Gänswein lebt in enger Tuchfühlung mit dem Papst, in einer Art Wohngemeinschaft: Über Benedikts Wohnung im dritten Stock befindet sich noch ein Mezzanin-Geschoss, dort wohnt der Privatsekretär mit Blick auf den Petersplatz, wenn er denn zum Blicken und zum Wohnen kommt; die meiste Zeit des Tages, beginnend mit einer Andacht um sieben Uhr früh, verbringt er im Dienst seiner Kirche. 2003 hatte ihn der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, zum Sekretär ernannt. Als Ratzinger am 19. April 2005 zum Papst gewählt wurde, zog Gänswein mit um. „Diese zwei Jahre als Privatsekretär waren eine Hilfe bei der Vorbereitung auf das neue Amt, ich konnte gleichsam die Melodie des Kardinals aufnehmen.“

          Gehorsam, Zölibat, Armut

          An ihm vorbei zum Papst zu kommen ist nicht einfach: Don Giorgio filtert aus der Lawine der anbrandenden Post, Anrufe und Audienzwünsche jenes Maß an Wichtigkeiten heraus, das es dem Papst möglich macht, arbeitsfähig zu bleiben. Derzeit laufen die Ad-limina-Gespräche mit den italienischen Bischöfen. Zweihundertzwanzig Würdenträger haben jeweils ein Anrecht auf ein viertelstündiges Vieraugengespräch mit dem Papst. Buchstäblich die ganze Welt macht so hier ihre Aufwartung.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.