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Beim Bundespräsidenten : Dieser Krieg hat viele Väter, aber keine Kinder

Hat Europa vom Ersten Weltkrieg gelernt? Joachim Gauck spricht vor Historikern im Schloss Bellevue Bild: AFP

Hat Europa vom Ersten Weltkrieg gelernt? Bundespräsident Gauck lädt Historiker zum Gespräch über einen Weltkonflikt ohne Grenzen. Aktuelle Bezüge waren unvermeidlich.

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          Hundert Jahre, einzeln aufgeführt. Auf der Karte, die zu der Debatte „Geteilte Erinnerungen, gemeinsame Erfahrung?“ am Donnerstag ins Schloss Bellevue einlud, waren 1914 und 2014 groß und blau hervorgehoben, klein und blau aber 1939 und 1989. Eine Akzentuierung der Geschichte, die der Auffassung des Bundespräsidenten entgegenkommen mag. Europäisierung heißt das Stichwort dieses Gedenkjahres, der Untertitel: „Europa erzählt vom Ersten Weltkrieg“. Damit war nun das Lebensgeschichtliche betont.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

          Étienne François, der das Podium leitete, erzählte von seinem vor Verdun verwundeten Großvater; der seiner deutschen Ehefrau wurde ebenfalls 1915 von einem französischen Geschoss verwundet. Von seinem Großvater erzählte auch der russische Historiker Boris Kolonitskii – der nämlich, aufgewachsen als Bauer, erlebte den Krieg als Chance sozialer Mobilität nach oben und wurde später Offizier der Roten Armee. Für die Russen endete der Krieg nicht 1918, denn sofort schloss ein Bürgerkrieg sich an, dem ausländische Interventionen folgten. In der Sowjetunion trat die Erinnerung an den großen Krieg zurück – war er doch unter dem alten Zarenregiment geführt worden, hatte ihn doch kein geringerer als Lenin als „imperialistischen Krieg“ bezeichnet. Erst im Großen Vaterländischen Krieg 1941 bis 1945 traten gewisse Traditionen der alten russischen Armee wieder hervor, um propagandistisch benutzt zu werden.

          Aus der Geschichte herausgestrichen

          Einen fast gänzlichen Ausfall an historisch aufgeklärter Erinnerung konstatierte der kroatische Historiker Tvrtko Jakovina für sein Land. Auch Macieij Górny aus Warschau konnte mitteilen, dass das Jahr 1914 keinen eigens herausgehobenen Status im nationalen Gedenk-Kalender spielt – und dies, obwohl Polen (damals noch ohne eigene Staatlichkeit) enorme Verluste an Menschenleben erlitt. In polnischer Sicht standen zwei gleich unattraktive imperiale Programme gegeneinander, der deutsche Pangermanismus und der russische Panslawismus. Auch in Polen endete das Schlachten nicht 1918, der junge Staat musste die Grenzen seiner Expansion erst praktisch feststellen, und so folgten unter anderem Konflikte mit dem bolschewistischen Russland und mit deutschen Freikorps in Oberschlesien. Was indes für die Zwischenkriegszeit zu konstatieren war, so Górny, sei die ethnische Fragmentierung der ehemals imperialen Gebiete gewesen, und damit eine erste Form der „Opferkonkurrenz“.

          Von Selim Deringil (Istanbul) kam einer der aufschlussreichsten Beiträge des Vormittags, weil er von Dingen sprach, die hierzulande kaum bekannt sind. Im Frühjahr 1915 begannen Briten und Franzosen mit dem Versuch, Gallipoli einzunehmen und in die Türkei einzudringen, die mit den Mittelmächten verbündet war. Die offizielle türkische Erinnerung an dieses Geschehen, bei dem sich Mustafa Kemal auszeichnete, der sich später Atatürk nannte, blendet den deutschen Anteil – sowohl zur See wie auf dem Land – heute offenbar völlig aus. Die 18000 deutschen Offiziere, die am Ende, 1918, in der Türkei stationiert waren, seien aus der Geschichte gleichsam „herausgestrichen“ worden.

          Der Attentäter als Volksheld

          Inzwischen werde Gallipoli unter der Regierung Erdogan auch „islamisiert“ und als siegreiche Abwehr eines westlichen Kreuzzugs gedeutet – von Europa aus gesehen ist dies sicher eine der merkwürdigsten Gestaltungen von staatlicher Erinnerungspolitik. Einen weiteren Sonderweg konstatierte David Reynolds (Cambridge) für Großbritannien, indem er auf die überragende Rolle der Kriegsdichtung hinwies. Wilfred Owen, der kurz vor dem Waffenstillstand fiel, rangiere in der Hochschätzung gleich nach Shakespeare; in andern Ländern kenne ihn kaum jemand. Zur „Obsession“ sei das Gedenken an den „Great War“ geworden, weil eine Entlastung ausfiel, wie sie auf dem Kontinent durch die deutsch-französische Verständigung erreicht wurde.

          Außerhalb von Schloss Bellevue spielten indes manche bei dem europäischen Gedenkkonzert nur mit, um schrille Missklänge in die große Harmonie zu bringen; so die bosnischen Serben, die, wie man am Samstag in den Nachrichten sehen konnte, den Sarajevo-Attentäter Gavrilo Princip als Volkshelden feierten.

          Joachim Gauck eröffnete den Nachmittag und erinnerte an den Maler Franz Marc, der sich freiwillig gemeldet hatte und bald fiel – was Klaus Staeck, den Präsidenten der Akademie der Künste, zu dem kuriosen Bekenntnis veranlasste, er habe erst jetzt von der Kriegsbegeisterung unter Künstlern und Dichtern erfahren. Am Nachmittag, der sich mit der Frage befasste, ob Europa aus dem Ersten Weltkrieg gelernt habe, fehlte ein Russe auf dem Podium, der die Sache seiner Regierung hätte vertreten können – so, wie es aber war, gab es nur die üblichen Anwürfe gegen die „Putin-Versteher“. Ein bisschen Bellizismus lag schon in der Luft. Und noch einer fehlte in der ansonsten exzellenten Gruppe der Historiker neben Christopher Clark und Herfried Münkler: Jörg Friedrich. Aber er hat sich mit seinem Buch „14/18. Der Weg nach Versailles“ offenbar aus dem Konsens herausgeschrieben, wenn er die gespenstisch hohen Opfer der alliierten Hungerblockade in Deutschland thematisiert.

          Und so konnte, wer den Nachmittag atmosphärisch erlebte, ihn auch auf eine etwas unheimliche Weise gegen den Strich verstehen. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg muss europäisiert, die alte Frage nach der Schuld am Krieg ad acta gelegt werden, weil die Europäer demnächst vielleicht wieder losziehen müssen, diesmal gemeinsam.

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