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Bei Jesper Juul : Meine Erziehung zum Elternsein

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Jesper Juul glaubt, dass Kinder bereits als soziale Wesen auf die Welt kommen und nicht als Egoisten Bild: Hagmann, Roger

Wer mit seinen Kindern einen persönlicheren Umgang will, kann die Bücher des Familientherapeuten Jesper Juul lesen. Oder er macht gleich eine Ausbildung bei ihm. Ein Lehrstück.

          Die Wärme, die das Backsteingebäude ausstrahlt, das ich an diesem Morgen betrete, vermittelt Schutz. Vielleicht ist der Ort für das Tagesseminar des Familientherapeuten Jesper Juul im Berliner Stadtteil Schöneberg ja absichtlich so ausgesucht worden. Die Leute, die hierherkommen, sehen geknickt, gestresst, ratlos und erschöpft aus. So wie ich. Erschöpft, ratlos, gestresst und geknickt von der Frage, die mich seit dem ersten Tritt meines Kindes in meinem Bauch begleitet: Wie geht das eigentlich richtig, das Erziehen?

          Seit ich als Drehbuchautorin bei einer Recherche über häusliche Gewalt auf die Bücher von Jesper Juul gestoßen bin, weiß ich, dass man mit Worten genauso verletzen kann wie mit Händen, und ich frage mich, ob es womöglich gar keinen Unterschied gibt zwischen den verbalen Attacken, wie sie manchmal in meiner Familie vorkommen, und den handfesten Attacken der Familie, über die ich schreibe. Manche Tage klappt es super bei uns, aber dann gibt es Phasen, da ist es einfach nicht zum Aushalten. Nicht einmal die interessierte und im Prinzip höfliche Frage meines Sohnes, ob er fernsehen kann, ertrage ich dann. Ich hasse es regelrecht, wenn meine Kinder fernsehen. Ich fühle mich dann schuldig, dass ich wegen meiner Arbeit zu wenig Zeit mit ihnen verbringe.

          Juul, 1948 in Dänemark geboren, ist Autor von mehr als vierzig Büchern, die Eltern bei der Suche nach ihrem Weg in der Erziehung begleiten wollen. Er glaubt, dass Kinder bereits so sozial und emotional kompetent auf die Welt kommen wie Erwachsene und nicht etwa als Egoisten, denen man soziale Verantwortung erst anerziehen muss. Kinder lernen durch Imitation, nicht durch verbale Strategien. Die Titel der Bücher zeigen diese Weltanschauung: „Dein kompetentes Kind“, „Aus Erziehung wird Beziehung“, „Nein, aus Liebe“, „Vom Gehorsam zur Verantwortung“.

          Viele Erwachsene nehmen die Aussagen von Kindern nicht ernst

          Nachdem sich Juul, der ein wenig so aussieht wie Robbie Coltrane, der Hauptdarsteller der Serie „Für alle Fälle Fitz“, in seinem erfrischenden Dänischdeutsch kurz vorgestellt hat, fragt er, aus welchen Gründen wir da sind. Ohne das lange, betretene Schweigen, welches ich von Elternabenden kenne, eröffnet eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern die Runde. Der Druck, der auf ihr lastet, lässt die Worte aus ihr heraussprudeln. Sie wisse nicht mehr, was sie mit ihrem Jüngsten machen soll. Mindestens einmal die Woche bekomme sie aus seiner Schule einen Anruf, dass er ohne angemessene Kleidung dort ankommt. Das letzte Mal, hieß es, sei er sogar ohne Socken gekommen. Erleichterung ist bei den Anwesenden zu spüren. Das kennen sie auch.

          Sie selbst müsse, um pünktlich bei der Arbeit zu sein, vor den Kindern aus dem Haus, sagt die Frau. Sie stünden gemeinsam auf, um miteinander zu frühstücken, obwohl die Kinder eine halbe Stunde länger schlafen könnten. Das Schuldgefühl darüber mache sie dann wett, indem sie mit den Kindern die für den Tag anstehenden Dinge durchgeht. Anziehen gehöre für sie nicht mehr dazu. Ein Zehnjähriger müsse das doch können, oder?

          Juul fragt: „Wie geht es deinem Jungen damit? Friert er? Hat er nasse Füße?“

          Sie schüttelt den Kopf. „Nein.“

          „Gut“, sagt Juul, „dann ist das nicht sein Problem, sondern das seiner Lehrerin.“

          Nicht nur die Mutter sieht Juul ungläubig an. Und er fährt fort: „Wenn dein Sohn friert, wird er sich eine Jacke anziehen, denn wie Erwachsene haben auch Kinder ein unterschiedliches Kälteempfinden.“

          „Und wenn er krank wird?“

          „Dann wird er krank. Sterben wird er nicht.“ Lachen, dann Stille.

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