https://www.faz.net/-gqz-8hqft

Klimawandel : Der unglaubliche Eiertanz der Meteorologen

Ein Sommer der Gewitter? Man könnte es auch einfach Klimawandel nennen: Passanten am 1. Juni bei Starkregen in Hannover. Bild: dpa

Nicht bloß die ungeheuren Unwetter, die Deutschland gerade heimsuchen, beweisen: Der Klimawandel findet statt. Warum reden Meteorologen den Begriff ständig klein?

          3 Min.

          Das Verstörende am Klimawandel ist nicht, dass ein schlichtes Faktum politisch immer wieder so unter Druck geraten kann, sondern, dass er sich sprachlich unauffällig in unser schönstes Allwettervokabular einbettet – meteorologische Mimikry gewissermaßen. Zu den verheerenden Unwettern in dieser Woche fallen den Meteorologen die herrlichsten Metaphern und Prognosen ein, vom „Sommer der Gewitter“ bis zum „Tiefdrucksumpf“, in dem wir bedauerlicherweise mal wieder feststecken, aber wenn es um die Gretchenfrage nach den Ursachen dieses atemberaubenden Wetterchaos geht, das dafür mitverantwortlich ist, macht sich inzwischen eine ungeheure Genierlichkeit breit. Als müsste uns das eigene alltägliche Mitwirken an den Klimaveränderungen nicht nur peinlich sein, sondern auch noch die Lippen verschließen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Was wir beobachten, ist ein unglaublicher Eiertanz der Wissenschaftler. Das fängt damit an, dass gebetsmühlenartig auf die fachlichen Unterschiede zwischen Wetter und Klima verwiesen wird. Wollen wir wirklich ein ums andere Mal auf den banalen Umstand verweisen, dass ein Wettereignis eine meteorologische Momentaufnahme ist und sich allenfalls über Zeiträume von Tagen bemisst, während das Klima ein statistisches Konstrukt ist, ein Big-Data-Langzeitunternehmen der Geoforschung, das vom erlebten Wetter etwa so weit weg ist wie der Body-Mass-Index von der Schlachtplatte am Mittagstisch? Wetter und Klima zu trennen, mag wissenschaftlich-methodisch gerechtfertigt sein. Für das öffentliche Reden über unsere bitteren Alltagserfahrungen ist es eine überflüssige akademische Spitzfindigkeit. Bauernregeln sind gewiss auch deshalb so beliebt, weil sie die Art von ganzheitlicher Klima-Wetter-Empirie enthalten, die für die Menschen draußen noch nachvollziehbar ist.

          Eine wissenschaftliche Bankrotterklärung

          Der beliebte, weil gern auch ironisierende Fernsehmeteorologe Sven Plöger wird regelmäßig bierernst, wenn der Begriff „Katastrophe“ auftaucht. Er meidet, seitdem er Bücher über den Klimawandel schreibt, den Begriff im Zusammenhang wie der Teufel das Weihwasser. Wohlgemerkt: Nicht die Katastrophe als solche. Denn dass es sich bei den Folgen der Sturzfluten in den letzten Tagen ebenso wie bei der historischen Trockenheit im östlichen Mittelmeer um fast beispiellose Naturkatastrophen handelt, ist auch unter Meteorologen unumstritten. Im klimatologischen Kontext aber zieht Plöger regelmäßig die Reißleine. Klimawandel war immer. Und als gedankliche Unterzeile steht da: da muss man auch den Klimawandelkritikern und -leugnern schon recht geben.

          Ein Bild zum Schönreden? Nach den Unwettern in Bayern.

          Eben deshalb wirkt jede Rede über die empirische Unmöglichkeit, beim jetzigen Stand des Wissens dieses oder jenes Hagelgewitter, diese oder jene Hitzewelle tatsächlich dem Klimawandel zuzuschreiben, wie ein wohlfeiles, ja hochnotpeinliches Rückzugsgefecht der Überkorrekten. Gleichsam als eine wissenschaftliche Bankrotterklärung, aus der man sich praktisch nicht befreien kann. Und zwar schon deshalb, weil der statistische Nachweis, der zu führen wäre, um jedes einzelne Wetterextrem nicht nur als meteorologische Anomalie, sondern auch als quasi menschengemachte Anomalie zu überführen, mit dem historisch lückenhaften Wissen auf lange Sicht gar nicht zu erbringen ist.

          Man weiß viel über das Wetter, aber wenig über das Klima

          Die Weltwetterbehörde, die sich längst regelmäßig zum Weltklima zu Wort meldet und eigentlich Autorität genug sein müsste, hat Ende März zum Welttag des Wetters das Nötige im Zusammenhang mit Wetterextremen mitgeteilt: „Heißer. Trockener. Nasser. Im Angesicht der Zukunft.“ Übrigens: Gestern war meteorologischer Sommeranfang. Der höchste Sonnenstand über der Nordhalbkugel wird zwar erst zum kalendarischen Sommeranfang am 21. Juni erreicht. Aber Hand aufs Herz: Der Sommer hängt uns doch schon angesichts der aktuellen Chaoswochen zum Halse raus. Viele Sommermetaphern und -empfindungen kommen uns nicht nur furchtbar antiquiert und deplaziert vor, sie sind auch klimatologisch höchst fragwürdig geworden. Und zwar keineswegs auf der spekulativen Ebene. Evidenz dafür ist ausreichend vorhanden.

          Die Klimazonen auf dem Planeten verändern sich, weil sie von Natur aus veränderlich sind. Aber wie lange sollen sich Meteorologen, die wie kaum eine zweite Forschergilde öffentlich Gehör finden, hinter einem ominösen statistischen Rauschen verstecken, nur weil sie das Offenkundige – den beschleunigten Klimawandel – als politische Korrektheit und deswegen als unangemessene wissenschaftliche Interpretation betrachten? Die meteorologische Expertise steckt selbst in einem Tiefdrucksumpf. Sie täte auch deshalb gut daran, ihre verquasten klimatologischen Sprachregularien aufzugeben, weil sie mit zweideutigen Ausflüchten die antiwissenschaftlichen Ressentiments nur mehr schürt. Dass die AfD im Gleichklang mit dem amerikanischen Präsidentschaftsbewerber Trump ausgerechnet nach dem historischen Triumph des Pariser Weltklimavertrags selbst die seriösesten Aussagen zum globalen Wandel attackieren, ist mehr als ein Wink, dass die Menschen zwar viel übers Wetter, aber wenig genug über den Klimawandel wissen.

          Weitere Themen

          Das Diktat der Populisten

          Hanks Welt : Das Diktat der Populisten

          Die Proteste von „Extinction Rebellion“ in Berlin zeigen vor allem eins: Wir sollten die Klimadebatte nicht den Angstmachern überlassen. Das macht faul.

          Der Geruch von toter Großmutter Video-Seite öffnen

          Buchmessen-Gastland Norwegen : Der Geruch von toter Großmutter

          Norwegen ist das Gastland der Buchmesse 2019. Feuilleton-Redakteurin Elena Witzeck hat sich im Pavillon umgesehen und ein Land kennengelernt, das stolz auf seine Lesekultur ist. Nur auf Schweden sollte man die Norweger nicht ansprechen.

          Topmeldungen

          Das Symbol der Türkei, weißer Halbmond und Stern auf rotem Untergrund.

          Syrien-Konflikt : Gut so, Wolfsburg!

          In der Türkei können VW und andere auch später noch Werke bauen – aber erst, wenn dort wieder Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Friedfertigkeit gelten.
          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.