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Beginn des Tiger-Jahres in China : Der Gott des Reichtums ruft

Vierundachtzig Prozent der Chinesen glauben, dass sich der Erfolg eines Menschen an seinem Kontoauszug ablesen lässt Bild: news

In China konnte man zu Beginn des neuen Tiger-Jahres beobachten, wie sich einer der erfolgreichsten Kapitalismen der Gegenwart zu seinen kultischen Antrieben bekennt. Eine halbe Million Menschen fand sich zusammen, um den Gott des Reichtums zu verehren.

          In der zentralchinesischen Stadt Wuhan versammelten sich, wie Fotos des Nachrichtenportals „News 163“ dokumentieren, zu Beginn des neuen Tiger-Jahres 550.000 Menschen, um Cai Shen Ye, den Gott des Reichtums, zu verehren. Den Fotos nach zu urteilen, wurde die rauschhafte Energie des Ereignisses nur notdürftig durch die zahlreich anwesende Polizei im Zaum gehalten. Einige Beamte mussten Sauerstoffmasken tragen, da die zahllosen verbrannten Räucherstäbchen (das Schild in der Mitte zeigt den Ort an, wo dies geschieht) das Atmen schwermachten. Der Kult wurde inmitten der Masse auch individuell vollzogen: Man sieht auf den Bildern Einzelne im Zustand offenkundiger Verzückung die Arme ausbreiten oder eine Statue des Gottes vor sich halten, um den Reichtum auf sich herabzurufen. Gegen Mitternacht soll die Massenbewegung ihren Höhepunkt erreicht haben.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Vorgänge in Wuhan stellen eine Formulierung von Marx vom Kopf auf die Füße. Als Marx vom „Fetisch“ der Ware und des Geldes sprach, übertrug er eine Vokabel der Religionsethnologie vom primitiven Kult auf den frühen Kapitalismus. „Die Universalität seiner Eigenschaft“, so hatte er bei anderer Gelegenheit über das Geld und dessen göttliche Attribute geschrieben, „ist die Allmacht seines Wesens; es gilt daher als allmächtiges Wesen“; das Geld könne seinem aus den Fesseln des Schicksals befreiten Besitzer jede erwünschte Identität verschaffen. Der rhetorische Kniff beruhte darauf, einem vermeintlich so modernen und rationalen Geschehen wie dem Kapitalmarkt ein magisches Motiv zu unterschieben. In China kann man nun beobachten, wie sich einer der erfolgreichsten Kapitalismen der Gegenwart ganz unrhetorisch zu seinen kultischen Antrieben bekennt.

          Von Energieströmen durchzogen

          Die wilde Kraft, die auf den Bildern sichtbar wird, kontrastiert auffällig mit der kühlen Abstraktheit, die dem westlichen Geldglauben in seinem Vertrauen auf den Finanzmarkt anhaftet. Es drängt sich auf, darin ein ähnliches Verhältnis zu vermuten wie zwischen den durch Rationalisierung und Institutionalisierung domestizierten Religionen und den archaischen Volksreligionen: Was diese an universalisierbarer Sprache und Ordnung gewinnen, haben ihnen jene an vitaler, das Leben der Kollektive mitreißender Kraft voraus. Eine letzte Woche gemeinsam von der Nachrichtenagentur Reuters und dem Ipsos-Institut veröffentlichte Umfrage gibt den Bildern aus Wuhan eine empirische Unterfütterung. In keinem anderen Land stimmen mehr Menschen der Aussage zu, der Erfolg eines Menschen zeige sich vor allem im Geld. 84 Prozent der befragten Chinesen sind der Meinung, seit der Finanzkrise sei Geld für sie noch wichtiger als zuvor. Sogar die Leser der Parteizeitung „Global Times“ finden zu achtzig Prozent, China sei das Land der Geldverehrung Nummer eins.

          Interessant ist, dass der Kult aus Zeiten, da von Kapitalismus noch keine Rede sein konnte, die Moderne offenbar gut überstanden hat: Weder der Kommunismus noch die Krise konnten der Verehrung des Reichtumsgottes etwas anhaben. Das ist beim westlichen Glauben an den Finanzmarkt nicht ganz so sicher; wenn ihn die Krise auch nicht zerstört hat, so hat sich doch ein gewisser Zweifel seiner Frömmigkeit beigemischt. Die Globalisierung scheint von Energieströmen durchzogen zu sein, von denen die gemeine Volkswirtschaftslehre nichts ahnt.

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