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Begegnungen in Kiew : Zwei Kriege, ein Land

  • -Aktualisiert am

Ein ukrainischer Soldat in der Nähe der Frontlinie in der Ostukraine am 12. April Bild: AP

Weder Kriege noch Pandemien enden. Doch es gibt immer wieder Menschen, die sich in solchen Situationen für andere einsetzen. Doch wer hilft ihnen? Aufzeichnungen einer ukrainischen Kriegskorrespondentin.

          3 Min.

          „Meine Frau ist heute in einem Krankenhaus in der Region Schytomyr gestorben.“ „Meine Mutter lag mehrere Wochen lang auf der Intensivstation. Und das war’s, sie ist tot.“ Es sind private Nachrichten. Sie klingen schrecklicher als die offiziellen Nachrichten über die Situation des Coronavirus in der Ukraine. Der Gesundheitsminister gibt öffentlich zu, dass den Krankenhäusern die Sauerstoffbetten ausgehen. Obwohl sie offenbar schon vor langer Zeit ausgegangen sind, das sagen ehrenamtliche Helfer, die seit Monaten Patienten mit kranken Lungen zu retten versuchen – in diesem Land, in dem sich seit den ersten Tagen des Maidans etwas verändert hat. Es gibt eine neue Gewohnheit: die Arbeit der Freiwilligen. Denn auf dem Maidan waren es Demonstranten, die andere Demonstranten kleideten, für sie kochten, sie wärmten, behandelten. Dann kam der Krieg, und dieselben Menschen, die auf dem Maidan Decken verteilten, verteilten sie nun an Soldaten, halfen den Flüchtlingen aus dem Osten und von der Krim. Überall im Land entstanden Zentren für Vertriebene. In Kiew organisierte Lesya Litvinova, damals Mutter von drei Kindern, eine dieser Einrichtungen. Dann schlug die Pandemie zu, und Litvinova, die früher Filmemacherin war, verstand, dass das ukrainische Medizinwesen dem Virus nicht gewachsen ist. Ihre Stiftung „Svoi“ versucht zu helfen.

          In ihrem Büro stehen Sauerstoffkonzentratoren – hellblaue und graue Plastikquadrate, von Spenden gekauft. Die Maschinen wurden nach der Genesung oder dem Tod eines Kranken zurückgegeben. Noch heute werden sie an die nächsten geschickt. Manche kommen in Millionenstädte, andere in gottverlassene Dörfer. Es sind Ärzte, die den Patienten die Telefonnummer der Stiftung aufschreiben.

          Eine Nachricht vom Tod

          „Wie hoch ist die Sättigung?“, sagt jetzt Litvinova ins Telefon. „56! Und sie entlassen dich?“ Sie schüttelt den Kopf. Das Telefonat wird von Schreien unterbrochen. Litvinova – kurze rostbraune Locken, ein klares Gesicht – ist vor sechs Monaten noch einmal Mutter geworden. In ihrem Büro liegen Windeln und Spielzeug. Ihre Tochter hat Hunger. Litvinova stillt, während sie weiter telefoniert. Die Menschen, die sie anrufen, wissen nichts über ihr Leben, niemand sieht sie als Mutter, nur als Lieferantin von Maschinen, die Leben retten. Sie werden kostenlos an Kranke verschickt.

          Es ist das Schicksal der Journalisten, mein Schicksal, in den unerwartetsten Momenten Informationen zu erhalten. So wie jetzt in der Stiftung. Ein junger Mann steht an der Tür, bedankt sich, weil seine Mutter wieder selbständig atmet. Litvinova lächelt, das Baby schläft. Und genau in diesem Moment, wenn ich einen seltenen Seufzer der Erleichterung höre, leuchtet das Telefon. Eine Nachricht vom Tod. In einem anderen Krieg. Der nun nicht mehr so viele Leben fordert wie das Coronavirus. Doch nach all den Jahren des Krieges sind solche Nachrichten nicht weniger schmerzhaft geworden.

          Ich öffne das weitergeleitete Foto und sehe den Rücken eines Mannes. Breit und robust. In seiner rechten Schulter befindet sich eine Wunde. Eine sehr kleine. Da ist kaum Blut. Doch ein Fragment aus tödlichem Metall. Eine Kugel, die vom Stadtrand von Donezk in den Männerrücken gefeuert wurde. Sie traf ins Herz. Ich bekomme oft solche Fotos, weil ich seit sieben Jahren über diesen Krieg schreibe. Das wissen die, die mir diese Nachrichten schicken; manchmal sind es Quellen, manchmal auch Freunde. Dann leuchtet das Telefon noch mal: Ein andrer Kämpfer wurde durch die Kugel eines Scharfschützen getötet.

          Weder Kriege noch Pandemien enden

          Der Krieg ebbt im Donbass nicht ab, trotz des Waffenstillstands und der falschen Behauptungen unseres Nachbarn, dass die neuen stationierten Truppen auf der Krim und an der ukrainischen Grenze nur übten. Ja, Übungen, so nennt man es. Wir haben viele solcher Übungen erlebt – und alle endeten mit Berichten von der Front über Tote. Und so bewegen sich in der Ukraine Krankenwagen zu schwerkranken Menschen, deren Körper gegen das Virus kämpfen, und Kühlwagen mit Leichen gefallener Soldatinnen und Soldaten zu denen, die auf die Körper ihrer Verwandten noch warten – eine endlose Bewegung, die an Geschwindigkeit zunimmt.

          Weder Kriege noch Pandemien enden. Ständig will jemand irgendwo ein Stück vom Land eines anderen an sich reißen oder seine Macht auf Kosten eines Nachbarstaates vergrößern. Krankheiten mutieren wie Diktaturen endlos, ohne Grenzen zu respektieren, ohne Mitleid zu zeigen.

          Aber es gibt immer wieder Menschen, die ihre Häuser verteidigen, die Verletzten versorgen, Wundermittel und Impfstoffe erfinden. Sie helfen uns. Doch wer wird ihnen helfen?

          Lesya Litvinovas Kollegin kommt ins Büro. Litvinova sagt ihr, was zu tun ist. Sie nimmt ihre Tochter, geht mit ihr ins Nebenzimmer, sich ausruhen. Eine Pause. Die Lieferantin wird wieder zur Mutter – für wenige Stunden.

          Aus dem Russischen von Anna Prizkau

          Violetta Kirtoka lebt in Kiew und arbeitet als Kriegskorrespondentin für censor.net

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