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Begegnung mit Arthur Penn : Mit Feuer im Bauch

  • -Aktualisiert am

Fast hätte der Besuch bei Arthur Penn Anfang des Jahres nicht stattgefunden. Am verabredeten Tag fühlte er sich schlecht, die Stimme, mit der er sich über die Sprechanlage zwischen seiner Wohnung und dem Portier entschuldigte, klang alarmierend brüchig.

          Fast hätte der Besuch bei Arthur Penn Anfang des Jahres nicht stattgefunden. Am verabredeten Tag fühlte er sich schlecht, die Stimme, mit der er sich über die Sprechanlage zwischen seiner Wohnung und dem Portier entschuldigte, klang alarmierend brüchig. Am nächsten Tag dasselbe. Am dritten Tag aber empfängt er - was ihn geplagt hatte, war nicht mehr als eine Irritation gewesen. Jetzt tritt er energiegeladen in die Tür, charmant und keineswegs gebrechlich, wenn auch so zart, dass es kaum glaubhaft scheint, dass dieser Mann einmal die Gewalt ins amerikanische Kino gebracht hatte. Das geschah vor vierzig Jahren mit "Bonnie and Clyde". Penn konfrontierte da das Publikum in der kunstvollen, expliziten Inszenierung davon, wie Kugeln auf Körper treffen, mit einer Unmittelbarkeit, deren Wirkung im Kino bis heute zu sehen ist. Weil Penn zu diesem Klassiker des New Hollywood alles gefragt worden ist, sprechen wir erst einmal über das zeitgenössische amerikanische Kino, und da zieht er vom Leder: wie unengagiert die Filmemacher seien, wie unberührt von den Konflikten, die die Welt zerreißen, wie technisch brillant, in der Phantasie aber ärmlich sie sich präsentierten. Er vermisst bei seinen jüngeren Kollegen das Feuer im Bauch und attestiert ihnen eine Passivität der Welt gegenüber, aus der niemals etwas anderes als passable Unterhaltungsware entstehen könne. Das alles bricht aus ihm heraus an jenem sonnigen Wintertag, der vom nahen Central Park her in seine Wohnung strömt. Er verdankt diese Wohnung und ein finanziell sorgenfreies Leben seiner Profitbeteiligung an "Bonnie and Clyde". Auf dem Couchtisch liegen Fotobände seines älteren Bruders Irving, auf der Galerie im ersten Stock sitzt seine Frau, ruft manchmal etwas dazwischen, kommt aber nicht herunter. Heute wird Arthur Penn fünfundachtzig, und wir hoffen, dass er ins Kino geht und sieht, dass sein Wettern genutzt hat und der amerikanische Film so engagiert politisch ist wie seit seiner Zeit nicht mehr.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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