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Zum Tod von Urs Jaeggi : Alles wurde ihm zur Kunst

Urs Jaeggi 1931 - 2021 Bild: dpa

Urs Jaeggi war ein Begabungskünstler, der in Wissenschaft, Literatur und Kunst. brillierte. Jetzt ist er im Alter von 89 Jahren gestorben.

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          Soziologe, Schriftsteller, Maler: Es gibt nur wenige, die im Leben gleich auf drei Bühnen reüssieren. Urs Jaeggi, 1931 in Solothurn geboren, war ein solches Ausnahmetalent. Nach einer Banklehre (Maler und Architekt hatte er werden wollen) absolvierte er ein Soziologiestudium, das ihn zuletzt an die FU Berlin führte, an der er von 1972 bis 1993 einen Lehrstuhl innehatte. Schon 1969 hatte er mit „Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik“ im aufgeheizten Klima der Studentenbewegung ein Grundlagenbuch der Herrschaftskritik vorgelegt. Über die politischen Lager hinweg schlüsselte er auf, wie politische Macht in allen gesellschaftlichen Bereichen, oft mit ähnlichen Methoden, ausgeübt wird. Das Buch, das sich 400 000 Mal verkaufte, brachte ihm Kritik und Bewunderung von allen Seiten.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Jaeggi war schon damals auch literarisch tätig. Sein autobiographisch fundierter Roman „Brandeis“ von 1969, der das Klima der Studentenbewegung einfing, stieß auf allgemeine Anerkennung. Als er 1981 für einen Auszug aus dem Roman „Grundrisse“ den Bachmann-Preis erhielt, war er schon ein bekannter Autor. Er beschrieb darin die Folgewirkungen der Studentenbewegung in den siebziger Jahren. Mit „Rimpler“ (1987) folgte der Wechsel zur Perspektive eines Berliner Polizisten. Jaeggis Sympathie galt den Außenseitern und Randständigen in allen Teilen der Gesellschaft. Die thematische Klammer war, das Leben des Einzelnen vor dem Hintergrund verblassender großer Utopien darzustellen.

          Später teilte er sich seine Professur, um sich verstärkt der Malerei und der Bildhauerei zu widmen, die seit den achtziger Jahren schrittweise zu seinem hauptsächlichen Wirkungsfeld geworden waren. Alles konnte ihm zur Kunst werden. Funktionsloses, Abseitiges, Zufälliges verwandelte er zu Skulpturen und Installationen. Noch im vergangenen Jahr machte er ein Berliner Wasserwerk zum Kunstort. Von der Analyse über die Beschreibung zur künstlerischen Schöpfung – Urs Jaeggi realisierte seine Begabungen parallel und etappenweise. Sein Leben stand nie still. Am Samstag ist er im Alter von 89 Jahren in Berlin gestorben.

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