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Befreit von den Gerüsten : Die Kuppel der Frauenkirche stiftet Seelenfrieden

  • -Aktualisiert am

Die wiedererstehende Frauenkirche in Dresden Bild: dpa/dpaweb

Diese Kirche ist ein Berg. Aber einer von zweierlei Gestalt: Steht man vor ihr, erscheint sie unüberwindlich, breit, ernst, unerbittlich. Vom weitem dagegen scheint sie fast schwerelos, eine Gottestänzerin über der Elbe und der Stadt.

          Diese Kirche ist ein Berg. Aber einer von zweierlei Gestalt: Steht man vor ihr, erscheint sie wuchtig und unüberwindlich wie ein zerklüftetes Massiv, breit, ernst, unerbittlich. Vom weitem dagegen scheint sie fast schwerelos nach oben zu schnellen, eine Gottestänzerin über der Elbe und der Stadt. Das ist das eigentliche Wunder, seit der Corpus und die Kuppel der Frauenkirche von den Gerüsten der Rekonstruktion weitgehend befreit sind - dieses Irisieren zwischen Anmut und Monumentalität, das weder die Gemälde und Fotografien des unzerstörten Gotteshauses zu überliefern imstande waren, noch die beiden ragenden Torsi, die dem Einsturz des 15. Februar 1945 widerstanden hatten.

          Daß in dieser Einheit von Gewalt und Grazie der größte Zauber liegt, der das Bauwerk unentbehrlich für die Stadtgestalt macht, hat das für solche Phänomene sensible Fin de siècle erkannt. In den "Blauen Büchern" schrieb der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder 1903: "Der unsterbliche Wert des Gebäudes liegt ganz wesentlich im Außenbau, in dem lebensvollen Umriß der Masse, der sich in dem reichen Stadtbilde Dresdens zuletzt doch als das Unvergeßlichste von allem einprägt." Entscheidend für diese sprühende Lebendigkeit ist der gleitende Übergang zwischen Kuppel und Bau. Eine so nie dagewesene konkave Einbuchtung leitet statt eines Tambours das Rund über zum Polygon der Außenwände. "Die Glocke" hat man diese Erfindung des George Bähr genannt. Welche Genialität darin steckt, hat Pinder beschrieben: "Kein gewaltiges Sich-Recken wie bei Michelangelo, sondern ein geschmeidiges Emportauchen."

          Die Kuppel erhebt sich

          Jetzt, da sich - unerachtet der letzten Gerüste rings um die abschließende Laterne - die Kuppel frei erhebt, ist für jedermann erkennbar, daß die Frauenkirche auf einer Stufe steht mit dem Petersdom oder der St.-Pauls-Kathedrale in London. Doch der Triumph ihrer Wiederkehr macht die Tragödie ihres Falls nicht vergessen: Wie ein gewaltiger Schattenriß zeichnen sich der Chor und der Treppenhausrisalit als Reste des Originals rußgeschwärzt und trauernd in den strahlendhellen Außenmauern der Rekonstruktion ab. So ist das Mahnmal geblieben, ist die Ruine anwesend, die jahrzehntelang jeden Betrachter erschütterte.

          Ein gutes Stück weiter als im Juli 2003

          Mit diesem ergreifenden Kontrast hat das Äußere der Frauenkirche noch an Bedeutung gewonnen. Sie braucht das, denn im Inneren wird zur Wiederweihe im Jahre 2005 nichts mehr an den Krieg erinnern. Gerüste füllen momentan den atemraubend hohen Zentralraum. Zimmerleute verkleiden die stählernen Armierungen der Emporen mit hölzernen Nachbildungen der verbrannten einstigen Betstuben und Bänke. An den Pfeilern, Pilastern und Wänden ist Verputz angebracht, Maler kopieren die Lasuren, mit denen um 1740 Marmor vorgetäuscht wurde, an den riesengroßen Kapitellen werden die nachgeformten pausbäckigen Puttenköpfe, die Rosetten, Festons und Girlanden aus Stuck farbig gefaßt; viel Gold, Pistaziengrün, Hellgrau und Rosa. Auf der Innenkuppel ist eines der vier Hauptfelder mit der kopierten Darstellung des Evangelisten Johannes gefüllt. Sie genügte den Ansprüchen der Bauleitung nicht. Deshalb wird der Maler Christoph Wetzel, der gerade die Wiedergabe des Lukas zur allgemeinen Zufriedenheit beendet hat, auch die beiden übrigen Evangelisten sowie die Darstellungen der vier Kardinaltugenden nachmalen, möglichst genau so, wie sie einst der effektsichere Hof- und Theatermaler Giovanni Battista Grono (Johann Baptist Grohne) schuf.

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