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Beethovenhalle : Ikone der Nachkriegsarchitektur

Die Beethovenhalle ist eines der letzten großen baulichen Zeugnisse der Bonner Republik in der einstigen Bundeshauptstadt. Sie soll abgerissen werden - auch wenn es dafür keinen vernünftigen Grund gibt.

          „Brennpunkt Beethovenhalle“ war nicht das erste und wird nicht das letzte Kolloquium gewesen sein, das eine studentische Initiative des Kunsthistorischen Institutes an der Universität Bonn zum Thema veranstaltet hat. Seine Stoßrichtung war absehbar. Es erbrachte, Argument für Argument, den schier erdrückenden Befund, dass es keinen einzigen vernünftigen Grund gibt, das Hauptwerk des Scharoun-Schülers Siegfried Wolske aus dem Jahr 1959 abzureißen.

          Die Ikone der Nachkriegsarchitektur ist – neben dem alten Postministerium – das letzte große bauliche Zeugnis der Bonner Republik in der einstigen Bundeshauptstadt. Sie verfügt entgegen allen schlechtredenden Behauptungen über eine gute Akustik, wenn auch über nicht optimale Sichtverhältnisse, die eine denkmalgerechte Renovierung jedoch leicht nachbessern könnte. Der Mantel der Geschichte wehte, als Walter Scheel und Richard von Weizsäcker hier zum Bundespräsidenten gewählt wurden, durch das Gebäude, das als klassische Mehrzweckhalle und gute Stube der Stadt eine, so Alt-Oberbürgermeister Hans Daniels, „integrative Rolle“ spielt und vom Konzertsaal bis zum Parteitag und Bundespresseball, von der Karnevalssitzung bis zur Hundeschau viele Funktionen erfüllt, in denen es auch künftig gebraucht wird.

          Warum Deutsche Post, Telekom und Postsparkasse, die der Stadt ein neues „Beethoven Festspielhaus“ schenken wollen, dennoch auf diesem Standort beharren, konnte nicht einmal ihr Projektleiter beantworten: „Die Frage muss die Stadt entscheiden.“ Wenn die drei Dax-Unternehmen unbedingt die Illusion nähren müssen, Bonn könne als Festspielstadt die Konkurrenz mit Bayreuth und Salzburg aufnehmen, wenn sie allen Ernstes meinen, dafür und, um sich hier zu verewigen, „Architektur mit dem Wow!-Effekt“ (David Chipperfield) errichten zu müssen, und wenn sie dann auch noch nachwiesen, dass ein ganzjähriger Konzertbetrieb (was immer noch nicht seriös durchgerechnet wurde) fünfundzwanzig Kilometer südlich der Kölner Philharmonie auch tatsächlich finanzierbar ist, dann sollten sie das ambitionierte Vorhaben nicht mit der Hypothek belasten (müssen), dafür ein Kulturdenkmal zerstört zu haben.

          Alternative Grundstücke in Rheinnähe, die der Bund und die Stadt einbringen können, sind vorhanden, und die beiden noch zur Wahl stehenden Solitäre der Architekten Zaha Hadid und Hermann & Valentiny ließen sich, effekthascherisch und ubiquitär verwendbar, wie sie sich gerieren, um ein paar hundert Meter versetzen. Die salomonische Lösung wäre, polarisierend, wie das Thema zunehmend wirkt, auch ein Beitrag zum Frieden in der Stadt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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