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Beethovens Rache : Kommen Sie zur Welt-Uraufführung der Zehnten?

  • -Aktualisiert am

Ein Mobiltelefon neben einer Bronzefigur der "Lauschergruppe" des Stuttgarter Künstlers Karl-Henning Seemann vor der Musikhochschule in Freiburg. Bild: Picture-Alliance

Was, wenn Beethoven sehen könnte, wie wir heute mit seiner Musik umgehen? Er hätte sich etwas ganz Schlimmes für dieses Jubiläumsjahr überlegt. Quasi una Coronafantasia.

          2 Min.

          Ich stelle mir immer vor, wie Beethoven, zusammen mit einem mächtigen Himmelsgestein in unsere Zeit hineinfällt, mitten ins Beethoven-Jahr.

          Ich stelle mir vor, wie Beethoven dann am ersten Tag auf ein Bankett der Deutschen Telekom gerät, kurz vor dem Ausbruch von Corona. Er sieht Menschen, zu seiner Enttäuschung fast nur Männer, die sich permanent die Hände schütteln (so als sei es bald damit vorbei) und die sich zwischen Themen wie neuen Highspeed-Produkten, Full HD oder Breitbandausbau auch noch über Beethovens zehnte Sinfonie unterhalten, das neueste Projekt der Telekom. Die Männer sagen sogar Telekom und Beethoven in einem Atemzug. Irgendwann tippt Beethoven einem Telekom-Mann auf die Schulter: „Entschuldigen Sie, Beethovens Zehnte ist gar nicht vollendet, da gibt es nur ein Notizbuch, ein rotes, mit Skizzen, mit Fragmenten.“

          Der Telekom-Mann schluckt ein Canapé herunter und antwortet: „Kleiner Irrtum, wir, die Deutsche Telekom, haben KI mit Beethoven gefüttert, vermutlich kommt da am Ende aus der KI sogar etwas Besseres heraus als der alte Beethoven! Von welcher Filiale sind Sie, wenn ich fragen darf?“, er streckt ihm die Hand entgegen.

          Technik, Technik!

          „KI??“, fragt Beethoven verwirrt und rührt die Hand nicht an, die sich ihm immer noch entgegenstreckt. „KI? Von der KIrche?? Grundgütiger!“

          „KIrche?“, fragt der Telekom-Mann amüsiert zurück. „Sie sind ja lustig, nee, nee, Künstliche Intelligenz! KI! Bekannt? ... Hm. So eine Art Automat, den man mit allem von Beethoven gefüttert hat: ta-ta-ta-taaaaa, klar, Freude, schöner Götterfunken auch – übrigens mein persönlicher Klingelton für dieses Jahr – na ja, und mit dem Rest von Beethoven“, dabei schiebt er sich ein Lachs-Canapé in den Mund. „Und am Ende spuckt er dann die Zehnte raus, Technik, Technik!“, fügt der Mann noch hinzu, dabei fliegt ein Fetzen vom Lachs auf Beethovens Stirn.

          Beethoven streicht sich den Lachs von seiner breiten Stirn und starrt lange auf das Stückchen. Man hat also mein Leben, mein Werk, in einen Automaten gestopft, denkt er, und hernach soll der Automat meine unvollendete Sinfonie herausspucken!? Weiß der Automat, wie ich mich fühlte, als ich die Zehnte im Geiste skizzierte? Wurden in den Automaten auch meine Stimmungen geleitet? Meine Schmerzen!? Meine Wut? Und meine Taubheit? Was sind meine Wut und meine Schmerzen gegen einen Automaten?? Was weiß eine Maschine von Schöpfung?! Von Göttergunst? Von Dämonen? Vom Sterben für die Musik, für die ich lebte und focht? Und was soll geschehen, wenn mein Jahr vorüber ist? Wen stopft ihr dann in die KI? Wer ist der nächste? Mozart? Neue Bach-Kantaten! Schubert-Lieder! Und Wagner! Stundenlang Wagner, künstlicher Wagner? Ihr Barbaren, dann doch lieber Napoleon...

          „Kommen Sie zur Welt-Uraufführung der Zehnten?“, fragte der Mann, jetzt mit einer Tatarschnitte.

          „Wann soll die sein?“, fragt Beethoven leise.

          „Moment“, antwortet der Mann, „ich gucke eben in meinen Online-Planer, auf jeden Fall im Beethoven-Jahr!“

          „Nicht nötig, Ich werde das verhindern“, sagt Beethoven leise und überlegt sich etwas ganz Schlimmes, das über die Menschheit hereinbricht und das Beethoven-Jahr, jedes ta-ta-ta-taaaaa und vor allem die zehnte Sinfonie der KI zunichtemacht.

          Moritz Rinke ist Dramatiker. Er hat das Libretto zu Beethovens Oper „Leonore“ bearbeitet. Für die Neuköllner Oper Berlin arbeitete er an dem Musiktheater „Der Mann, der sich Beethoven nannte“. Die Uraufführung steht noch aus.

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