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Bedeutungen einer Geste : Küsse für Putin

  • -Aktualisiert am

Ein russisch-orthodoxer Mönchspriester küsst die Hand Putins, der die Ehrung erschrocken zurückweist. Das Scheitern der kleinen sanften Berührung lässt bei der Deutung großen Spielraum.

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          Der russische Zar darf nicht enttarnt werden - was nicht immer ganz leicht ist bei Präsident Putin, der allein durch kurze Pressekommentare Gerichtsurteile vorwegnimmt und jetzt auf der Klosterinsel Walaam das Disneyland-Projekt des Gouverneurs des Moskauer Umlands, Sergej Schoigu, absegnete. Auf tausend Hektar soll südwestlich der Hauptstadt ein Russland-Erlebnispark entstehen, dessen Besucher den Elbrus besteigen, auf der Wolga schippern und Taiga-Safaris machen können sollen. Der herzliche Empfang, der dem Staatsoberhaupt zuteilwurde, erhielt nur durch die übertriebene Geste des Abtgehilfen von Walaam, Mönchspriester Methodius, der Putins zum Gruß gereichte Hand an die Lippen drückte, einen Misston.

          Nur eine christliche Demutshommage?

          Putin, den die Fernsehkameras verfolgten, zog seine Rechte fast angewidert zurück. Im Internet erhob sich ein Sturm der Entrüstung über die vermeintlich sklavische Selbsterniedrigung des Gottesmannes. Denn nach russisch-orthodoxem Brauch küsst nur umgekehrt der Laie dem ihn segnenden Geistlichen die Hand. Vor der Revolution freilich gaben orthodoxe Priester dem Zaren sehr wohl einen Handkuss, erklärt der monarchistische Blogger Wadim Retschkalow. Sie taten es allerdings nicht, weil er die Macht repräsentierte, sondern weil er das von Gott gesalbte Ebenbild Christi darstellte, so Retschkalow. Und dass Putin diese Ehrung zurückwies, spreche nur für seine gesunde Selbsteinschätzung.

          Vater Methodius selbst, der makedonisch-bulgarische Wurzeln hat, erklärte, sein Handkuss sei vor allem als christliche Demutshommage im Namen seines „kleinen Volkes“ an das große russische Volk gemeint. Außerdem sei es auf dem Balkan üblich, dass nicht nur Laien dem Priester die Hand küssten, sondern auch umgekehrt. Dass Vater Methodius diesen Brauch auch auf Walaam praktiziert und etwa allen seinen Beichtkindern die Hand küsst, konnte Putin nicht wissen. Netz-User „Comeandsee“ glaubt jedoch, dass Putin erschrak, weil vor der Kamera plötzlich das wahre, nämlich servil unterwürfige Verhältnis der Kirche zur Staatsmacht demaskiert wurde.

          Putin habe sich ertappt gefühlt, meint auch Blogger Dmitri Schuscharin, der prophezeit, der Präsident werde schon in nicht ferner Zukunft selbst Segenssprüche austeilen. Einige Gläubige scheinen darauf zu warten. Auf Walaam wurde Putin von einer frommen Frau bedrängt, die ihm gestand, ihr Herzenswunsch sei der Segen von seiner Hand.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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