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Die Beatles auf Tonband : Gruppensitzung mit Ego

„Ich habe es aufgenommen, weil es mir gefallen hat.“ Jeder der Beatles hielt sich für den größten Songschreiber. Bild: Apple Corps LTD

Vor der Veröffentlichung von „Abbey Road“ diskutierten die Beatles darüber, wer in Zukunft wie viele Songs schreiben darf. Das dazugehörige Tonband ist jetzt entdeckt worden. Hat doch Ringo all die großen Hits geschrieben?

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          Die Behauptung, dank eines Fundstücks müsse die Geschichte einer Epoche in weiten Teilen neu geschrieben werden, dürfte, dem „Stern“ sei’s gedankt, aus deutschen Redaktionen nicht mehr allzu oft zu hören sein. In Großbritannien darf man da unbefangener sein, weshalb uns der „Guardian“ nun mit der Überschrift überrascht: „Dieses Tonband schreibt alles um, was wir über die Beatles wussten“. Das weckt erhebliche Erwartungen an das, was da enthüllt werden mag: Stammen sie gar nicht aus Liverpool? Waren sie in Wahrheit zu fünft? Ist Paul McCartney doch schon, wie oft gemunkelt, 1966 gestorben? Hat am Ende all die großen Hits Ringo geschrieben?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im Text zur Schlagzeile wird dann ein wenig tiefer gestapelt: Dass die Geschichte der Beatles umgeschrieben werden müsse, bezieht sich – und ist zudem als Frage formuliert – auf einen kurzen Abschnitt, und zwar auf die Zeit kurz vor der Veröffentlichung des letzten gemeinsam erarbeiteten Albums „Abbey Road“ am 26. September 1969. Der dies ausspricht, genießt als Beatles-Exeget allerdings ähnliches Gewicht wie sein Mammutwerk „The Beatles – All These Years“, dessen erster Band 2013 erschienen ist. Mark Lewisohn hat nämlich die Tonbandaufnahme einer Gruppensitzung zutage gefördert, deren Entstehungsgeschichte, erzählte sie nicht ein renommierter Archivar wie Lewisohn, geradezu verdächtig simpel anmutet: Weil einer aus der Band, Ringo, einen Termin beim Arzt hatte, schnitt ein anderer, John, für ihn auf Kassette mit, was die Beatles zu besprechen hatten.

          Lewisohn zufolge war demnach die Band damals noch nicht heillos verkracht, sondern dachte über ein weiteres Album nach. John Lennon habe an jenem 8. September 1969 nicht nur vorgeschlagen, die mythische Autorenzeile Lennon-McCartney aufzulösen, sondern paritätisch je vier Stücke von ihm, von Paul und von George zu veröffentlichen (sowie, falls von diesem gewünscht, zwei von Ringo). McCartney habe reagiert mit dem Satz: „Bis zu diesem Album dachte ich, Georges Stücke seien nicht so gut“, worauf Harrison sich verteidigt habe, dies sei „eine Frage des Geschmacks“, die Leute würden seine Lieder mögen.

          Lennon wiederum habe Pauls Song „Maxwell’s Silver Hammer“ attackiert und angeregt, Kompositionen dieser Art künftig besser anderen Künstlern zu überlassen. Paul schließlich, nun selbst in der Abwehrhaltung, habe geantwortet: „Ich habe es aufgenommen, weil es mir gefallen hat.“

          Die Dissonanzen in der Band waren bekannt, als O-Töne im Gruppengespräch zu hören waren sie bislang nicht. Wenige Tage nach der Aufnahme verließ Lennon die Band, deren Auflösung aber erst viel später, nämlich im April 1970, bekanntgegeben wurde. Weitere Einblicke in die Beatles der Abbey-Road-Ära verspricht Lewisohn in seinem Programm „Hornsey Road“, mit dem er in diesem Herbst in Großbritannien auf Tournee geht. Es ist ein weiterer Beleg für die Einzigartigkeit dieser Band: Selbst ihre Biographen können berühmt werden.

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