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BBC-Skandal : Ein Sender drückt die Augen zu

  • -Aktualisiert am

Nutznießer eines hemmungslosen Promi-Kults: Jimmy Savile Bild: dapd

Laut einer internen Untersuchung hat sich der BBC-Moderator Jimmy Savile an bis zu tausend Kindern vergangen. Verantwortliche des Senders sollen weggesehen haben. Wie konnte es zu dieser Gleichgültigkeit kommen?

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          „Kontinenteuropäer haben ein Sexleben; die Engländer haben Wärmeflaschen.“ Der ungarische Emigrant George Mikes hat seine berühmte Feststellung so präzisiert: Das Sexleben der Engländer stehe in seltsamem Widerspruch zu ihrem ruhigen Temperament. In allen anderen Dingen seien sie reserviert, tolerant und diszipliniert; beim Sex neigten sie dazu, gewalttätig und grob zu sein. In der Tat: Die Fülle der Missbrauchsfälle, die in den letzten Tagen in den britischen Medien für Gesprächsstoff sorgten, erweckt den Eindruck, das Britannien ein Hort des Lasters sei. Auch stellt sich die Frage, ob die Häufung sich bloß aus der verstärkten Aufmerksamkeit seit den postumen Enthüllungen über die verderbten Usancen des BBC-Moderators Jimmy Savile herleitet, oder ob sie Ausdruck der gestörten Einstellung einer puritanischen Nation zur Sexualität sind. Von der Meldung, dass mehr als zwanzig Privatschulen in Missbrauchsermittlungen verwickelt sind, über den Streit um den liberaldemokratischen Politiker Lord Rennard, den mehrere Frauen der sexuellen Belästigung beschuldigt haben bis hin zu den Missbrauchsverfahren gegen drei alternde Fernseh- und Rundfunkprominente, beherrscht das Thema immer wieder die Schlagzeilen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Und nun kommt die Meldung, dass Savile sich in den Räumlichkeiten der BBC möglicherweise an bis zu tausend Mädchen und Jungen vergriffen habe, von seinen anderen Jagdgründen in Krankenhäusern, zu denen er sich als prominenter Wohltäter uneingeschränkten Zugang verschaffte, nicht zu reden. Wie konnte das geschehen, obwohl sich die Indizien verdichten, dass das widerliche Benehmen in der BBC ein offenes Geheimnis war? Der „Observer“ will in Erfahrung gebracht haben, dass Dame Janet Smith, die ehemalige Richterin am Berufungsgericht, in ihrem kurz vor der Veröffentlichung stehenden Bericht über die „Kultur und Praktiken“ der BBC auch auf die Frage der Mitwisserschaft eingehe.

          Karriereknick bei Aufklärern

          In dem Bericht stehe, dass die tatsächliche Zahl der Opfer womöglich nie ermittelt werden könne, dass die Führungskräfte des Senders jedoch über Saviles Neigungen im Bilde gewesen seien und nichts dagegen unternommen hätten. Diese Haltung hat sich in die Gegenwart fortgesetzt. Es ist bezeichnend, dass die BBC-Mitarbeiter, die den Savile-Skandal aufdecken wollten, einen Karriereknick erlitten, während die Nachrichtenchefin Helen Boaden, die dazu beitrug, dass deren Untersuchung nicht gesendet wurde, wegbefördert wurde.

          Als im Oktober 2012 zutage kam, dass die BBC zunächst versucht hatte, die Enthüllungen über Savile unter der Decke zu halten, wurde die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in eine tiefe Krise gestürzt. Während Nick Pollard, der ehemaligen Nachrichtenchef von Sky, einen Bericht über die fragwürdige Handhabung des Skandals durch die BBC erstellte, erhielt Dame Janet den Auftrag, den Umständen auf den Grund zu gehen, in denen diese Missbräuche florieren konnten. Sämtliche gegenwärtige und frühere Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Senders sind aufgefordert worden, sich zu Wort zu melden. Im November gab Dame Janet bekannt, dass sie Kontakt zu 720 Personen aufgenommen und mehr als 340 Telefongespräche mit Zeugen geführt habe. Rund 140 Zeugen seien persönlich in der Savile-Affäre vernommen worden.

          Hemmungsloser Promi-Kult

          Zudem sind mehr als hundert Zeugen befragt worden im Zusammenhang mit der gleichzeitig laufenden Untersuchung gegen den Moderator Stuart Hall, der sich im April vergangenen Jahres selbst beschuldigte, von 1967 bis 1986 Sittlichkeitsvergehen gegen dreizehn Mädchen zwischen neun und neunzehn Jahren begangen zu haben. Er wurde dafür zu fünfzehn Monaten Haft verurteilt; ein Berufungsgericht verdoppelte die Haftstrafe.

          Gegen den Vierundachtzigjährigen steht ein weiteres Verfahren an. Er wird in fünfzehn Fällen der Vergewaltigung und unsittlicher Angriffe gegen zwei Minderjährige beschuldigt. Halls Bloßstellung war eine direkte Folge der polizeilichen Ermittlungen im Fall Savile, die inzwischen zu mehr als fünfzehn Festnahmen geführt haben. Die meisten Vergehen liegen mehrere Jahrzehnte zurück, die Angeklagten gehören der Generation an, für die, wie es Philip Larkin in seinem Gedicht „Annus Mirablis“ formulierte, der Geschlechtsverkehr eine Schande war, die mit Sechzehn anfing. Ihre Opfer hingegen sind Kinder der Permissivität, die in jedem „Annus Mirabilis“ 1963 begann. Eine ihrer Auswüchse war der hemmungslose Promi-Kult, den diese Männer ausnutzen konnten.

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