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Bayreuther Festspiele : Man ist doch kein Idiot!

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Man kann nicht mehr über Bayreuth reden, ohne über Leute wie Roberto Blanco zu reden Bild: dpa

In dieser Woche beginnen die Bayreuther Festspiele - die man aber gerne schwänzen darf. Bayreuth kann auf uns warten, bis es schwarz wird. Eberhard Rathgeb mit einem Plädoyer für die Bildungslücke.

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          Man kann über Bayreuth reden, ohne über Richard Wagner zu reden. Man kann aber nicht mehr über Bayreuth reden, ohne über Leute wie Roberto Blanco zu reden. Der Schlagersänger steht hier für viele, die es in dieser Woche entweder wieder oder zum ersten Mal auf den Festspielhügel schaffen werden. Wenn überhaupt, muss man über Bayreuth heute aus einem einzigen Grund reden: Weil es einem nicht egal sein kann, wieso die Roberto Blancos dort oben in den Kunstgefilden stehen und aufgeräumt lachen - und wir nicht.

          Es geht nicht um Geld, es geht darum, dass wir, insbesondere in dieser Woche, diejenigen sind, die dorthin nicht gehen und dorthin nicht gehen wollen.

          Wir lasen Freud und Faulkner

          Ich habe Roberto Blanco 1969 kennengelernt, in dem Jahr, als die Apollo 11 auf dem Mond gelandet ist. Vieles war damals möglich, dort oben und auf Erden. Er sang im Fernsehen „Heute so, morgen so“. Das kam als Lebenswetterbericht bei der deutschen Bevölkerung gut an. Man kann das Unterhaltungsindustrieproduktion nennen.

          Woanders als im Fernsehen lernt man Leute wie Roberto Blanco normalerweise nicht kennen. Sie bleiben einem in ihrer Art lukrativer singender Daseinsfürsorge fremd. Mit dem „Heute so, morgen so“-Schlager gewann er damals die Deutschen Schlager-Festspiele. Festspiele!

          Er verschwand schnell vom Horizont, wie so vieles, was man wahrgenommen hat, ist runtergekippt wie ein Glas Wasser vom Tisch. Er war kein prägendes Erlebnis. Man hörte weg, man mied entsprechend dumpfe Fernsehsendungen wie die Pest. Manche blieben bei Roberto Blanco und Konsorten, wie die Fliegen am Klebeband mehr oder weniger rhythmisch zappelnd, hängen. In einem weitgefassten Sinne gehört er zu den Bildungserlebnissen einer bundesrepublikanischen Apollo-11-Sozialisation, die ganz woandershin unterwegs war.

          Er hat mich überholt. Anders gesagt: Ich habe ihn nicht abgehängt. Er steht auf dem Festspielhügel.
          Mit Bildungserlebnissen des Blanco-Kalibers, die im Grunde genommen unverhoffte Bildungskonfrontationen gewesen sind, hat man eines Tages nichts mehr zu schaffen haben wollen: Sie führten zu nichts, nur in die Vorhölle des Schunkelns. Man ist doch kein Idiot! Wir lasen Freud und Faulkner.

          Überall Prominente

          Auch im vergangenen Jahr ist Roberto Blanco auf dem Hügel gewesen. Er soll, heißt es, ein Freund der Oper sein. Was heißt schon ein Freund der Oper? Auch wir sind Freunde der Oper. Mozart, Verdi. Umgekehrt ist es doch wahr: Nicht jeder Freund der Oper geht auf den Hügel. Die Bayreuther Festspiele, die in dieser Woche mit der Premiere der „Meistersinger“ in der Inszenierung von Katharina Wagner beginnen, gelten als ein gesellschaftliches Großereignis. Zu den Großereignisträgern zählen wir vor allem die Leute, die man im Fernsehen sieht.

          Ich bin noch kein Mal bei diesen Festspielen gewesen. Nicht nur deshalb nicht, weil es sehr schwierig sein soll, eine Eintrittskarte zu bekommen. Ich bemühe mich nicht einmal um eine Eintrittskarte. Das wäre immerhin ein Anfang. Es existieren Festspielkartenwartelisten, auf die man sich setzen lassen kann. Hat man sich darauf setzen lassen, faltet man die Hände, wartet zehn Jahre, summt „Ring“-Melodien rauf und runter, isst danach ein Käsebrot. Und eines hellen Tages windet sich ein Sonnenstrahl schlangenzeichengleich in den Briefkastenschlitz: Im Briefkasten liegt die Eintrittskarte.

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