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Bayreuther Festspiele : Gebt dem Marx endlich eins auf die Nase!

  • -Aktualisiert am

Die Sänger entwickeln Überlebensstrategien

Diese Egal-Haltung wird zum Markenzeichen von Castorfs Regie. Obwohl er selbst noch immer an Opas Osttheater mit seiner Entrümpelungsattitüde und den immer gleichen müden Provokationen zu glauben scheint. Die dahinterstehende Klassenkampf-Ästhetik ist indes so mausetot wie der Arbeiter-und-Bauern-Staat. Dass die DDR dennoch obsessiv in den detailverliebten Bühnenbildern von Aleksandar Denić wiederkehrt, am bedrängendsten in der „Götterdämmerung“ mit einer überhellen Leuchtreklame für „Plaste und Elaste aus Schkopau“, lässt tief in die geschichtswunde Seele des Regisseurs blicken. Angesichts der aktuellen Finanzexzesse wirkt dieser Rückzug in die Ostalgie allerdings nicht erhellend, sondern miefig und provinziell. Castorf wird damit nicht einmal dem Anspruch gerecht, Wagners von Marx beeinflusste Kapitalismuskritik aus dem neunzehnten Jahrhundert ins einundzwanzigste fortzuschreiben.

Alle Ansätze dazu bleiben Stückwerk. Castorfs Gleichsetzung des geraubten Rheingoldes mit Öl, dem schwarzen Gold, um das die Menschheit Kriege führt - kein taufrischer, aber immerhin ein tragfähiger Gedanke. Doch er versickert im Ungefähren, wie so vieles. Auch die von Castorf angestrebte Ironisierung, ein spielerischer Umgang mit Wagners theorieschwerem Welttheater, kommt selten über das Niveau von Kalauern hinaus. Etwa wenn Mime, phantastisch textklar gesungen von Burkhard Ulrich, dem riesigen Marx-Kopf, der im „Siegfried“ zusammen mit den Erzschurken Lenin, Stalin und Mao einen sozialistischen Mount Rushmore bildet, im ersten Akt eins mit dem Holzhammer auf die Nase gibt wie weiland Obelix der Sphinx. Oder wenn der prachtvolle Waldvogel der Mirella Hagen im dritten Akt plötzlich von einem der drei Kroko-Monster verschlungen wird, die es eigentlich auf Siegfried und Brünnhilde abgesehen haben. Warum auch immer.

Die Sänger, die ihre Rollen, anders als Castorf, notgedrungen ernst nehmen müssen, entwickeln unterschiedliche Überlebensstrategien. Einige, wie Wolfgang Koch als Wotan, Oleg Bryjak als unsäglich outrierender Alberich und auch Lance Ryan als Siegfried, lassen sich voll auf die Regie ein. Leider agieren sie stimmlich nicht ebenso untadelig wie Nadine Weissmann als Erda. Andere, wie Alejandro Marco-Buhrmester als sensibler Gunther, Attila Jun, als Bösewicht Hagen sehr laut und sehr herrisch, und nicht zuletzt Catherine Foster als strahlende Brünnhilde, zeigen mehr Distanz. Foster schreitet bisweilen über die Bühne, als sei dies alles für sie ein endloser Albtraum.

Aus dem weckt sie und die anderen nur der Dirigent Kirill Petrenko immer wieder auf. Petrenko ist das Kraftzentrum dieses „Rings“, der seriöse Gegenpart zur Regie. Er hält das auseinanderfallende Bühnengeschehen zusammen, allein mit der Kraft der Musik. Namentlich der „Siegfried“ wird mit dem hochpräzisen Festspielorchester zu einem Musterbeispiel klug vorausschauender, packender Gestaltung. Petrenko wird dafür am Ende so leidenschaftlich gefeiert wie Castorf ausgebuht. Dennoch hält sich das Gerücht, der Dirigent erwäge, nach dieser Bayreuth-Saison aus der Produktion auszuscheiden. Man könnte es ihm nicht verdenken. Für die gebeutelte Festspielleitung um Katharina Wagner wäre dies freilich der größte denkbare Unfall.

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