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Bayreuther Festspiele : Ein Festspielsommermärchen

  • -Aktualisiert am

Proben zu Wagners „Parsifal”: Manuelle Baunerfeind als Herzeleide und Marius Adler als junger Parsifal Bild: REUTERS

Am Samstag beginnen die Bayreuther Festspiele. Zurück liegen aufreibende Monate der Neuorientierung. Die Pläne für die Nachfolge des scheidenden Wolfgang Wagner sind bisher nicht aufgegangen. Seine Urenkelin bewirbt sich mit bombastischer Selbstdarstellung und Boulevardparolen.

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          Siebenundfünfzig Jahre lang hat Wolfgang Wagner die Geschicke auf dem Grünen Hügel gelenkt. Bis 1966 tat er dies gemeinsam mit seinem Bruder Wieland. Mit der gestern eröffneten Saison der Bayreuther Festspiele nimmt der greise Wagner-Enkel nun endgültig seinen Abschied als Festspielpatriarch. Wer ihm an der Spitze des Festivals nachfolgen soll, das wird der zuständige Stiftungsrat Anfang September zu entscheiden haben. Dann erst wird die viermonatige Frist, innerhalb deren sich die Mitglieder der Familie Wagner sowie externe Kandidaten um die Leitung bewerben können, abgelaufen sein.

          Schon im April, noch vor Eröffnung des Verfahrens, hatten die Minister Thomas Goppel (München) und Bernd Neumann (Berlin) versucht, auf schnellem Wege Fakten zu schaffen, indem sie Wolfgang Wagners Töchter Katharina und Eva Wagner-Pasquier in einem Brief dazu aufforderten, als Duo zu kandidieren. Zu diesem Zeitpunkt lag dem Stiftungsrat bereits eine gemeinsame Bewerbung von Eva Wagner-Pasquier und Wieland Wagners Tochter Nike vor. Nachdem der regelwidrige Eingriff der öffentlichen Hand auf harsche Kritik gestoßen war, besannen sich die verantwortlichen Vertreter aus Bund, Land, Stadt und der mäzenatischen „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ immerhin auf die Wahrung des formal korrekten Verfahrens.

          Wolfgang Wagners Wunschmaid

          Anzeichen dafür, dass innerhalb des Stiftungsrates nun die lange überfällige substantielle Diskussion über die künstlerische, intellektuelle und praktische Befähigung der Kandidaten stattfindet, gibt es bislang noch nicht. Dafür suggeriert das seit Monaten auf Hochtouren laufende Eindrucksmanagement von Wolfgangs Wunschmaid Katharina bereits jetzt siegesgewiss den Beginn einer neuen Ära. In Nachrichtenmeldungen, Anzeigentexten und Interviews wird uns Katharina als künftige Leiterin des Festivals untergejubelt.

          Stephen Gould als Siegfried bein den Proben zur „Götterdämmerung”
          Stephen Gould als Siegfried bein den Proben zur „Götterdämmerung” : Bild: ddp

          Ihr gezielt lanciertes Image ist das einer bodenständigen, grundnormalen, von jedweder Gedankenblässe unangekränkelten Frau, die (nach eigenen Angaben in der „Bunten“) lieber putzt, statt Regie zu führen, weil man da „sofort sieht, dass etwas gemacht wurde“. Entsprechend konzentrieren sich ihre Ideen für Bayreuth bislang auf das Ersinnen medialer Vermittlungs- und Vermarktungsstrategien, die in der Tat sofort ins Auge springen. Ablesen lassen sie sich an der neu gestalteten, mit Werbetexten, „Festspiel Podcast“, „Video Guide“ und „Live dabei Portal“ aufgemöbelten Internetseite der Festspiele oder an den geplanten Live-Übertragungen ihrer „Meistersinger“-Inszenierung im Internet und auf den Festplatz in Bayreuth.

          Wagner für alle

          Mit ihrem Slogan „Wagner für alle“ geben Katharina Wagner und ihr umtriebiges Management vor, an die Intentionen des Urgroßvaters anknüpfen zu wollen. Tatsächlich setzt das Medienspektakel, das sich nun vor die Werke zu schieben beginnt, in neuem Gewand bloß jenes höfische „Kostüm- und Schminke-Wesen“ fort, vor dem Richard Wagner seinerzeit so graute, dass er nach dem unsichtbaren Orchester am liebsten auch das unsichtbare Theater erfunden hätte: Triumph der Mittel über den Zweck.

          Die Wagnersche Idee einer Demokratisierung der Kunst zielte auf die Ermöglichung einer konzentrierten, von Konventionen unverstellten Erfahrung der Kunstwerke, auf ästhetische Bildung im emphatischen Sinne. Das logenfreie Festspielhaus verdankt seine architektonischen Besonderheiten deshalb nicht zuletzt auch Wagners Wunsch danach, dass sich die genuin aus musikalischem Geist gezeugten, dabei alle Sinne erfassenden künstlerischen Suggestionen seiner Werke möglichst traumnah und ungestört entfalten mögen.

          Demokratisierung als Popularisierung

          Nun muss man sich den technischen Möglichkeiten selbstverständlich nicht verschließen. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn gelungene Produktionen aus dem Festspielhaus übertragen oder aufgezeichnet werden. Man sollte sich jedoch darüber im Klaren sein, dass der Rezeptionsraum, den die Freiluftübertragung auf einer Großleinwand eröffnet, in erster Linie der Gemeinschaftsbildung einer neuen Generation eventsüchtiger Wagnerianer dienen kann. So können zwar Neugier und Informationsbedürfnisse gestillt werden, aber mehr als ein behelfsmäßiger Ersatz wird damit nicht geboten. Das „Public Viewing“ als eine künstlerische Reform im Sinne Richard Wagners auszugeben, wie Katharina Wagner es tut, grenzt an Zynismus.

          In den letzten, ermüdenden Jahren der langen Ära Wolfgang Wagner steckten die Festspiele fest zwischen provinziellem Muff und Boulevardisierung. Nun werden die Weichen für die Zukunft gestellt, und man muss sich entscheiden: Hält man es mit den Wagnerianern oder mit Richard Wagner? Sucht man nur nach einem neuen Label oder nach einem künstlerischen Neuanfang? Überlässt man die Festspiele angelernten Regisseurinnen und technokratischen Politikern, die bald als Gesellschafter mit im Boot sitzen, oder sollen sie wieder dem Reich der Kunst gehören, so wie sie gedacht waren: als ein Ort der gesteigerten Werkerfahrung?

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