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Bayreuther Depeschen (I) : Aus der Waberlohe

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An diesen merkwürdig aus der Zeit fallenden Ort, wo politische Prominenz und musikalische Noblesse einander lächelnd und verständnislos die Hand reichen und wo ein Mythenzauber selbst einfachste Dinge in ein seltsames Licht rückt, dorthin, nach Bayreuth, hat sich Patrick Bahners begeben und wird von nun an täglich berichten.

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          Donald Duck ist Wagnerianer, ich bin Donaldist. Da ist es für mich Ehrensache, einmal im Leben einem kompletten Zyklus der festlichen Aufführungen der Werke Richard Wagners beizuwohnen, für die das Bayreuther Festspielhaus unterhalten wird. Woher wissen die Donaldisten vom Wagnerianismus Ducks? In Lebensgefahr, wenn aller Anreiz zur kulturellen Aufschneiderei entfallen ist, entringt sich seinem Schnabel ein Wagnerwort, eine Vokabel, deren Herkunft aus dem „Ring des Nibelungen“ sogar in die Definition des Grimmschen Wörterbuches eingegangen ist. Als Aushilfsbriefträger im Winter widerfährt es Duck einmal, dass er mit seinem Motorschlitten auf dem Eis plötzlich von einem ringförmigen Feuer eingeschlossen ist. Er ruft: „Wir sind von einer Waberlohe umgeben!“ Die Waberlohe ist ein Flammenring und zwar laut Grimm insbesondere derjenige, der die schlafende Brünnhilde einschließt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In diesem Jahr ist es soweit. Ich darf den Absperrungsring durchschreiten, den die Polizei um das Festspielhaus gelegt hat. Mit Stefan Herheims Neuinszenierung des „Parsifal“ werden die Festspiele eröffnet. Auf dem Vorplatz ist zu merken, dass die Anwesenheit hier sich für fast niemanden von selbst versteht, außer vielleicht für René Kollo, der jedes Jahr an den Proben teilnimmt und zu einer Art Jeansanzug weiße Sportschuhe angezogen hat. Auch die Götter unserer Medienwelt empfinden es als Privileg, Karten erhalten zu haben. Großes Hallo zweier Ehepaare: „Es hat doch etwas für sich, wenn einer ARD-Vorsitzender ist!“

          Ungewohnte Zurückhaltung

          Wolfgang Wagner begrüßt die Ehrengäste im letzten Jahr seiner Intendanz nicht persönlich. Er wird in dieser Rolle auch nicht durch seine Tochter Katharina vertreten, obwohl sie in seinem Namen offiziell für die Vermarktung des ganzen Theaters zuständig ist. Auf einmal waltet Zurückhaltung in der Politik der symbolischen Präsenz, nachdem die Strategie des alten Regimes, Katharinas Nachfolge als unvermeidlich zu behandeln, aufgegangen zu sein scheint: Sogar die Radionachrichten des Bayerischen Rundfunks stellen es heute als Faktum hin, dass sie die Festspielleitung übernehmen werde. Die beiden Männer, die diese mutmaßliche Tatsache geschaffen oder doch in Überschreitung ihrer Amtsautorität besiegelt haben und an diesem Tag vielleicht nicht provoziert werden sollen, die Minister Goppel aus München und Neumann aus Berlin, sitzen in den äußersten Ecken der Loge der Kanzlerin.

          Donald Duck - ein Wagnerianer? Wenigstens war ihm ein bekanntes Wagner-Motiv geläufig: die Waberlohe.
          Donald Duck - ein Wagnerianer? Wenigstens war ihm ein bekanntes Wagner-Motiv geläufig: die Waberlohe. : Bild: Disney Corp.

          Für die Gäste, die auf dem roten Teppich gekommen sind, wird in den Pausen ein triumphaler Fußweg hinab zum Restaurant freigehalten. Es ist nicht schwer, sich in diesen Kreis einzuschleichen. Man muss das Festspielhaus nur durch den Ausgang unter den Mittellogen verlassen und kann als Geheimprominenter in die Digitalkameras der Spaliersteher winken. Den meisten Beifall erhalten Karl Moik, der keinen Smoking, sondern einen Dreiteiler in schimmerndem Wieland-Wagner-Lohengrin-Blau trägt, und die Bundeskanzlerin, deren Kleid ebenfalls blau schimmert, nur dezenter. Keine Hand rührt sich für den Ministerpräsidenten Beckstein. Wenn Amfortas auf der Gralsburg Wahlen zu bestehen hätte, rutschte er spätestens im dritten Aufzug unter fünfzig Prozent.

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