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Bayreuther Depeschen (I) : Aus der Waberlohe

Ein starker Beginn

Durchs Parkett geht ein Raunen, als Frau Merkel in königlich vorletzter Minute ihren Logenplatz neben Beckstein einnimmt. Ich sitze drei Reihen vor ihr genau in der Mitte. Die Leute stehen auf und studieren das Logenpersonal, darunter Statisten von erfreulich stattlicher Erscheinung wie Glos und Ramsauer. Man glaubt die eigene Anstrengung des Genießens, die bevorstehenden fünf Stunden harten Sitzens, durch die Anwesenheit der Bismarck-Nachfolgerin nobilitiert. Drei Geistliche zähle ich in der Umgebung der Kanzlerin, darunter sind der lutherische Landesbischof Friedrich und der katholische Erzbischof Schick. Ihre Ehrensessel sind Museumsstücke aus der Welt des Staatskirchentums, in deren letzte Epoche Herheim den ersten Aufzug des „Parsifal“ verlegt.

Überraschend große Rollen spielen der Erste und der Zweite Gralsritter. Sie sind als Hofdoktor (mit Darwin-Glatze und Darwin-Bart) und Hofprediger kostümiert, die während des Vorspiels das Leben der Kaiserin Herzeleide nicht retten können. Die Gralsgemeinschaft ist eine Hofgesellschaft, die permanent Trauer angelegt hat. Donald Duck hätte sein Wähnen und Sehnen hier wiedererkannt, denn Prinz Parsifal, der nach dem Tod der Mutter aus dem Fenster springt, trägt natürlich einen Matrosenanzug! Ebenso die von Gurnemanz unterrichteten Knappen. Der Gralskult als Trauerzeremoniell: eine historistisch-existentialistische These, wie sie auch die protestantische Religionsgeschichte des Kaiserreiches hätte hervorbringen können. Die künftigen Ritter tragen schon vor der Initiation die Uniform des Erlösers, des verlorenen Prinzen - ein ungeheurer starker Beginn.

Archaische Liturgie

Am stärksten wirkt ein Einfall, in dem man die Uridee der ganzen Inszenierung vermuten möchte. Die Trauerkleidung des Hofes sind schwere schwarze Flügel, noch klein und gespitzt bei den Kindern, verstaubt und verfilzt bei den Alten. Der Gralsbund hat die Ausstattung der Engel übernommen, die Titurel erschienen waren. Aber die Offenbarung, die die Menschen emporziehen soll, drückt sie in der institutionellen Ausformung der Kirche hinunter. Wer hätte gedacht, dass sich für das politisch-soziale Problem des kulturprotestantischen Idealismus ein solches bezwingendes Sinnbild finden ließe? Die offiziellen liturgischen Verrichtungen gehen hervor aus archaischen Ritualen und wieder in sie über: Der Gralsenthüllung geht eine Geburt voraus. Das Bürgerliche und das Barbarische sind in dieser Kultur nicht zu trennen. Amfortas und Herzeleide erweisen sich als Doppelgänger. Der selige Nicolaus Sombart scheint Pate gestanden zu haben mit seiner Theorie, das wilhelminische Reich sei daran zugrunde gegangen, dass die Männer ihr weibliches Element verleugnet hätten. Kundry, als Hebamme sozial situiert, wird durch kollektiven Fingerzeig des Saales verwiesen.

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