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Bayreuth : Weg mit der Wagner-Nase!

  • -Aktualisiert am

Risse in der Wagner-Welt: Der Ahnherr als Gipskopf am Flügel Bild: Enrico Nawrath

Mit den „Meistersingern von Nürnberg“ versprach Katharina Wagner, die Interpretationshoheit des Wagnerschen Werkes nach Bayreuth zurückzuholen. In einer teils überinszenierten, atemberaubenden Inszenierung steckte die Urenkelin Richard Wagners die fest verfugte Traditionswelt feierlich in Brand.

          Der Erwartungsdruck war übergroß. Ihm zu begegnen, tanzte die Bayreuther Kronprinzessin schon seit Wochen wie ein Derwisch auf allen Medienhochzeiten, Vorgestanztes raspelnd in jedes bereitgestellte Mikrofon. Zwangsläufig kam es zur Übersättigung, am Premierenabend zur Implosion. Fast logisch, dass dem Bassbariton Franz Hawlata am Ende die Stimme versagte, als er in seiner Schlussansprache als Hans Sachs die „Deutschen Meister“ ehren soll. Das Defilée der Mitwirkenden im Blitzgewitter der Buh- und Bravorufe verstolpert sich in schlecht geprobtem Chaos. Kläglich das Ende, dem Wert und der Bedeutung dieses Eröffnungsabend der sechsundneunzigsten Bayreuther Festspiele völlig unangemessen.

          Hatte nicht soeben eine Wagner-Urenkelin ihr Regiedebüt auf dem Hügel gegeben in erklärter Absicht, Bayreuth müsse endlich wieder die „Vorreiterrolle in der Wagner-Interpretation anstreben“? Hatte sie nicht, um zumindest aufzuschließen, zum ersten Mal in der Nachkriegsfestspielgeschichte unmissverständlich auf der Bühne die nationalsozialistische Vergangenheit ins Bild gesetzt? Und wurden da nicht, in einem atemraubenden Akt der Anklage, Gewohnheiten zerstört, Ikonen demontiert, Andersdenkende ausgegrenzt und Menschen wie Requisiten in den Müll geworfen, ja, in Brand gesteckt?

          Weg mit den lästigen Spinnern!

          Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Diese alte Bayreuther Hausregel nimmt sich Katharina Wagner, jüngster im Kreativfach tätiger Spross der weit verzweigten, tief zerstrittenen Wagner-Sippe, so zu Herzen, dass sie sich selbstironisch auf der Bühne zur Disposition stellt. Die Statisten, die da im heiklen dritten Aufzug von Richard Wagners einziger Komödie „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Sachsens Handlangern in die Metallcontainer befördert werden, sind eindeutig Doubles des Regieteams: eine Blondine, ein kleiner Mann im Dirigentenfrack, salopp gekleidete Bühnenbildner oder Kostümdesigner.

          Wange an Wange: Eva (Amanda Mace) und Walther von Stolzing (Klaus Florian Vogt)

          Die jungen Leute verbeugen sich mehrfach an der Rampe, werden dann einkassiert und entsorgt. An dieser Stelle gibt es spontan Jubel im Festspielhaus: Immer weg mit den lästigen Spinnern! Kurz darauf aber fällt den Applaudierenden, die da eben noch für die Verklappung Andersdenkender in den Müll votiert hatten, diese Pointe wieder schmerzhaft auf die Füße: Der Container wird feierlich in Brand gesteckt, und Sachs und Konsorten heben die Hände zu einer Geste, der zum deutschen Gruß nur noch wenige Zentimeter aufwärts fehlen.

          Auf Onkel Adolfs Knien

          Selbstreferentiell sind viele slapstickartigen Regieeinfälle Katharina Wagners, hier wie auch schon in ihren zwei vorangegangenen Wagner-Inszenierungen in Würzburg (“Holländer“) und Budapest (“Lohengrin“). Dauernd werden symbolisch alte Zöpfe abgeschnitten. Und immer wieder winkt sie mit dem Zaunpfahl in Richtung Sippe. Immerhin war der letzte, der vor ihr auf dem Hügel Richard Wagners „Meistersinger“ inszeniert hatte, der eigene Vater. Wolfgang Wagner, dessen frühlingsgrüne Festwiesenapotheose in ihrer Harmlosigkeit gar nicht mehr zu übertreffen war, gehört zu jener Generation der Wagners, die noch von Onkel Adolf auf den Knien geschaukelt wurde.

          Nun sind ja gerade die „Meistersinger“, nicht zuletzt wegen der heimelig altertümelnden Diatonik, den affirmativ Dur-jubelnden Massenchören (“Wacht auf, es nahet gen den Tag“) und besagter Sachs-Ansprache ehemals die repräsentative Parteitagsoper im Nationalsozialismus gewesen. Außerhalb Bayreuths haben Regisseure von Neuenfels bis Konwitschny diesen Fall in ihren Inszenierungen zur Sprache gebracht. Wie das zu Hause bei Wagners am Kaffeetisch diskutiert wird, tut scheinbar nichts zur Sache. Doch andere Nachkommen der dritten Generation wie Nike, Gottfried, Wolf Siegfried oder Eva haben sich längst schon auf der Bühne der Öffentlichkeit mit der Schuldfrage befasst. Katharina Wagner ist die Erste, die nun, ausgestattet mit dem Segen des greisen Vaters und Festspielleiters, auch die Wagner-Freunde in Bayreuth damit konfrontieren darf.

          Demontage der Übermenschen

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