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Bayreuth 1976 : Macht, Geld, Industrie

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75 Minuten Dauerapplaus für Chereaus „Ring des Nibelungen” Bild: Bildarchiv Bayreuther Festspiele

Es wurde von vielen Wagnerianern als Provokation empfunden: 1876 war das Bayreuther Festspielhaus mit der zyklischen Aufführung des "Rings des Nibelungen" eröffnet worden. Ein Jahrhundert später galt es das Jubiläum zu feiern, und ...

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          Es wurde von vielen Wagnerianern als Provokation empfunden: 1876 war das Bayreuther Festspielhaus mit der zyklischen Aufführung des „Rings des Nibelungen“ eröffnet worden. Ein Jahrhundert später galt es das Jubiläum zu feiern, und ausgerechnet diesen hohen Akt vertraute Festspielchef Wolfgang Wagner zwei Franzosen an: dem Regisseur Patrice Chereau und dem Dirigenten und Avantgardekomponisten Pierre Boulez. Boulez hatte ja schon vorher den „Parsifal“ in Bayreuth dirigiert, mit Wieland Wagner verstand er sich prächtig, beide hatten viele Pläne für die Zukunft. Aber das galt in diesem Augenblick wenig. Chereau und sein Bühnenbildner Richard Peduzzi entwickelten den „Ring“ aus einer Ikonographie des neunzehnten Jahrhunderts. Um Macht, Geld, Industralisierung ging es auch in der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit jener Zeit. Wer sich mit Marx, Kierkegaard, Schopenhauer und Nietzsche beschäftigt, darf Wagners „Ring“ nicht aussparen. Das Genialische an Chereaus Interpretation aber war, daß er die intellektuellen Bezüge mit hoher Theatralik, hinreißenden Bildern, auch mythischen Ritualen zu verbinden verstand. Es gab Schauspielregisseure und Theaterkritiker, die eigens nach Bayreuth reisten, um etwas zu sehen, was sie selbst kaum noch kannten: Perfekte Personenregie. Zum markanten Signet der Inszenierung wurde der erst im zweiten Durchlauf 1977 erfundene Walkürenfelsen: ein Stück Ruinenromantik a la Caspar David Friedrich. Und die Interpretation von Boulez korrespondierte perfekt mit Chereaus Imaginationen: analytische Durchsicht, feinste Klanggestaltung, instrumentale Sensibilität verbanden sich dort, wo es angebracht war, mit hinreißendem dramatischen Furor. Film und Schallplatte bewahren die Erinnerung an die Großtat. Als der „Chereau-Ring“ nach fünf Jahren turnusgemäß abgesetzt wurde, gab es nach der „Götterdämmerung“ einen Beifalls-Marathon: fünfundsiebzig Minuten.

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