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Bayern : So zünftig war es lang nicht mehr

Staatliche Lederhosen sind Geschichte Bild: dpa

Seit den Landstagswahlen bläst die CSU einen Reformmarsch, der dem Wahlvolk die Ohrwaschel wegreißt. Jetzt haben die Sparmaßnahmen auch die traditionsreichen Trachtenvereine erwischt.

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          Was macht der Wirtschaftslenker, wenn das Geschäft nicht mehr brummt? Er konzentriert sich auf den Kern desselben. Das war lange Zeit auch eine verläßliche Konstante der weltanschaulichen Strategie der CSU - dem Wahlvolk zu vermitteln, daß es eine unbedingte Deckungsgleichheit von Land, Leuten und Staatspartei gebe.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Der Satiriker Gerhard Polt hat das auf den Nenner gebracht: "Ich brauche keine Opposition, ich bin schon Demokrat." Getreu diesem Motto macht sich die bayerische Staatsregierung derzeit sehr um die Demokratie verdient. Seit den Landstagswahlen bläst sie, gestützt auf eine absolute Mehrheit, mit ganzer Lunge einen Reformmarsch, der dem Wahlvolk die Ohrwaschel wegreißt - und betreibt in einem Aufwasch auch das Kerngeschäft der Opposition mit. Zuletzt war die Forstwirtschaft an der Reihe (F.A.Z. vom 12. März), zuallerletzt hat es jetzt die Trachtenvereine erwischt.

          Bewahrung von Tradition

          Dazu muß man wissen, daß im Bayerischen Trachtenverband rund zweihunderttausend Erwachsene und, nach Aussage des Verbands, noch einmal einhunderttausend Jugendliche in vierundzwanzig Gauen von Berchtesgaden bis Aschaffenburg, von Lindau bis Cham organisiert sind. Dieses in knapp eintausend Vereinen aktive, bundeswehrgroße Stimmpotential hält die Pflege der regionalen Trachten hoch. Ihre jährliche, weltöffentliche Leistungsschau ist der Umzug zum Auftakt des Oktoberfests.

          "Heimat entsteht unter anderem durch Bewahrung von Tradition. So nehmen Brauchtum und Festkultur in Bayern einen herausragenden Stellenwert ein." Sagt nicht der Trachtenverein, schreibt Edmund Stoiber im Geleitwort der Zeitschrift "Politische Studien" vom Juli 2003. Und im "Bayernkurier" legte er ein paar Monate später nach. "Warum ist Bayern so attraktiv? Warum blicken die Menschen auf uns? Das hängt doch auch mit unseren großartigen Kunstschätzen zusammen, mit Brauchtum und Tradition. Wir fördern private Museen, Trachtenvereine, Musikschulen und Laientheater." Aber nicht mehr so wie früher, seit diese Woche die Sparbeschlüsse im Maximilianäum abgesegnet wurden. Die "staatlichen Zuschüsse, die für den Erwerb bodenständiger Trachten eingesetzt werden" (Staatsregierung), wurden um achthunderttausend auf 1,1 Millionen Euro gekürzt, der Zuschuß für die Kleiderkammer gestrichen.

          Schmerzhafte Geste

          Ist das jetzt noch Kerngeschäft oder schon die Antwort auf die Globalisierung? Da die Geste schmerzhafter sein dürfte als der Geldverlust, könnte man in ihr noch einmal einen Modernisierungsschub sehen, ja einen Paradigmenwechsel: Nimmt Stoiber, immerhin Ehrenleutnant der Gebirgsschützen-Kompanie in Wolfratshausen, den Trachtenhut - und setzt sich endgültig ein Käppi des FC Bayern auf?

          In der "Greater Munich Area", wie der Großraum München auf gut bavarian heißt, mag der kurze Strich zum langsamen Trachtenausstieg nicht auffallen, aber im Oberland rumort es schon. Ob der Trachtenverband aber gleich die Drohung wahrmacht, er werde seine Teilnahme am Oktoberfest überdenken und CSU-Abgeordneten künftig kein Rederecht mehr einräumen, muß man bezweifeln. Obwohl es sicher ein schönes Bild gewesen wäre: Der Herr Ministerpräsident mit Frau Karin in Loden geschlagen auf der Kutsche - und vorneweg als Taferlbuam lauter indische Software-Ingenieure mit Laptops, aber alle ohne Lederhose.

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