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Bauen in Südafrika : Die richtige Entwicklungshilfe

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Mit Tricks und Experimenten

„Den Wandaufbau haben wir selbst entwickelt“, sagt Elias Rubin, Student an der Kunstuniversität Linz. „Fremdmaterialien wie Holz oder Stahl sind hier entweder sehr teuer oder dem aggressiven Klimawechsel zwischen Winter und Sommer nicht gewachsen. Daher greifen wir auf örtliche traditionelle Lehmbauweise zurück.“ Da aber Stampflehm in der Herstellung und Verarbeitung zeitintensiv ist, kommt die Rubinsche Spezialwand zum Einsatz. „Die Zeitersparnis beträgt rund fünfzig Prozent. Außerdem braucht man für diese Bauweise keine erfahrenen Handwerker. Eigentlich kann man dafür auch ganz normale Erde mit Kies und Stein verwenden. Das kann jeder.“

Genau das ist der Plan. „Der Bau der Klassengebäude ist ein ständiges Tricksen und Experimentieren“, sagt Rubin. „Am Ende bewähren sich Lösungen, die den starken Regenfällen standhalten, billig und noch dazu schön anzusehen sind. Die Ästhetik ist ein wichtiger Faktor.“ Dafür sorgt auch der ungewöhnliche Standort auf dem Areal eines Milchproduzenten: Auf dem Privatgrundstück gelten die strengen Bauvorschriften für öffentliche Schulen nicht. Das macht den Bau nicht nur billiger, sondern auch innovativer.

Dass Rubins Überlegungen fruchten, zeigt der Gang durch das benachbarte Magagula Townwhip. Der Slum ist voll von winzigen Ziegelbauten und abenteuerlich zusammengeschraubten Blechverschlägen, in denen ganze Großfamilien wohnen. Ab und zu fällt ein hübsch verputztes Lehmhaus ins Auge. Die Fenster sind unterschiedlich groß und in verschiedenen Höhen angebracht, die Türen hellblau oder knallviolett, die Fensterläden sind selbst gebastelte Konstrukte aus sägerauhem Palettenholz. Der Einfluss des Ithuba-Architektur ist unverkennbar.

Kooperation mit Langzeit-Effekt

„Viele von uns haben beim Bau der Schule mitgeholfen“, sagt ein Bewohner. „Wenn man so viele Wochen mit den Studenten zusammenarbeitet, bleibt was hängen. Mir gefallen diese Lehmhäuser sehr gut.“ Die Begeisterung geht so weit, dass einige begonnen haben, die von Südafrikas Regierung zur Verfügung gestellten RDP-Houses - im Rahmen der Reconstruction and Development Programme hat jede Familie unter der Armutsgrenze Anspruch auf ein kleines, gemauertes Wohngebäude - zu erweitern. Mit erdigen Lehmwänden und etwas unkonventionellen Details, versteht sich.

„So ein Kooperationsprojekt zwischen zwei Kontinenten macht nur mit Langzeit-Effekt Sinn“, sagt Elias Rubin. „Ich habe den Eindruck, dass es durch den Bau der Schule gelungen ist, der Bevölkerung eine alte und in Vergessenheit geratene Bauweise ins Gedächtnis zu rufen. Lehm gibt es überall, durch den Bau in Eigeninitiative bleibt die Wertschöpfungskette vor Ort, ohne dass große Ziegel- oder Zementkonzerne an der Errichtung von Architektur mitnaschen. Das ist wahre Nachhaltigkeit.“

Nach fünf Baujahren an der Ithuba School ist der Erfahrungsschatz der österreichischen und deutschen Studenten bereits enorm. Haben die ersten Gebäude, abhängig von Sponsoring und Sachspenden, noch 70 000 Euro gekostet, benötigen man jetzt 40 000. Die Suche nach witzigen Details bleibt - Kanalrohre werden zu Low-Tech-Klimaanlagen, Bierkisten wachsen durch Stapelung und Verschraubung zu Küchenmöbeln heran, statt kostspieliger Fenster werden verschiedenfarbige Flaschenböden eingemauert.

Versuche mit verschiedenen Bauweisen

Die Ithuba School in Zonkizizwe war der Startschuss. Vor zwei Jahren expandierte Ithuba in den Süden und errichtet seitdem eine weitere Schule. Das Bildungsniveau im wildromantischen Eastern Cape, dem „Armenhaus Südafrikas“, ist noch besorgniserregender; die Analphabetismusrate liegt bei mehr als siebzig Prozent. Besonders rückständig ist die schlecht erschlossene „Wild Coast“. Die neue Grundschule in Mzamba orientiert sich stärker noch als ihr Schwesterprojekt an der traditionellen Bauweise. Lehm, der als einziger leistbarer Baustoff der Luftfeuchtigkeit und der Erosion durch die Gischt standhält, ist hier bereits im Masterplan verankert. Ein wenig erinnert die Architektur an die Bauten des kürzlich prämierten Pritzker-Preisträgers Wang Shu.

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