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Neubau der Landesbibliothek : Für ein glücklicheres Stuttgart

Am großen Verkehrsfluss: die Hauptfassade des Erweiterungsbaus der Württembergischen Landesbibliothek befindet sich an der stark befahrenen B 14. Bild: Brigida Gonzalez

Der Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek setzt darauf, dass die Stadt des Autos demnächst verkehrspolitische Vernunft annimmt. Allerdings glauben seine Architekten vom Büro LRO selbst nicht mehr recht daran.

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          An der Tür seines WG-Zimmers im München zu Beginn der neunziger Jahre hatte der schwäbische Student einen Zettel befestigt. „Glükliches Stutgard, nimm freundlich den Fremdling mir auf!“ stand darauf, ein Vers aus Hölderlins Elegie „Stutgard“. Es war die Zeit, als Oberbürgermeister Manfred Rommel und Ministerpräsident Lothar Späth die Stadt vor Selbstbewusstsein und Aufbruchsgeist fast bersten ließen. Mit Lokalpatriotismus tun Stuttgarter sich inzwischen schwer, die Stadt scheint sich selbst fremd geworden zu sein.

          Matthias Alexander

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Auseinandersetzungen um „Stuttgart 21“, die Wunden, die das megalomane Projekt während der Bauzeit schlägt, die ständigen Staus im Feinstaubwirbel, der Korruptionsskandal am Klinikum, die Ausschreitungen im Juni vergangenen Jahres – es ist einiges zusammengekommen. Nicht nur aus der Ferne drängt sich der Eindruck auf, dass Stuttgart zu einer Stadt von trauriger Gestalt geworden ist, gefangen in einer eigenartigen Mischung aus Saturiertheit und Verwahrlosung, präsidiert vom saumseligen Oberbürgermeister Fritz Kuhn, der sich vielleicht besser nie aus den wolkigen Höhen der Bundespolitik herabgelassen hätte.

          Immerhin, zwei bemerkenswerte Bauten sind in den acht verlorenen Kuhn-Jahren, die dieser Tage endeten, wenn auch nicht angestoßen, so doch fertiggestellt worden: die John Cranko Schule der Staatstheater und nun der nahegelegene Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek an der Konrad-Adenauer-Straße im Herzen des Kulturquartiers. Entworfen haben ihn die ortsansässigen Architekten Lederer Ragnarsdóttir Oei, kurz LRO. Äußerlich ist es ein typisches Werk des Büros, das vor allem südlich der Mainlinie mit etlichen herausragenden Projekten hervorgetreten ist: Es nimmt den Betrachter durch eine wohlproportionierte, abwechslungsreich geschichtete Hauptfassade von subtil gebrochener Symmetrie und kunstvoller Materialkombination für sich ein. Mit dem sägezahnartigen Reihung von acht ganzen und zwei halben Giebeln, den Ochsenaugen des Vortrags- und Ausstellungssaals und den Fenstern der übrigen Geschosse werden die Grundfiguren der Geometrie – Dreieck, Kreis, Rechteck – durchgespielt.

          Mit dem Willen zur Eleganz

          Der aufgehellte Sichtbeton, Fensterrahmen aus Eichenholz, das weiße Lochblech der Balkonbrüstung und die Kupferverkleidung der schräggestellten Wandfelder vor den Fenstern der beiden mittleren Lesesaalebenen fügen sich zu einem noblen und zugleich bodenständigen Erscheinungsbild. Das Bestreben des Büros, Häuser zu entwerfen, deren Entstehungszeit nicht ohne weiteres zu erkennen ist, hat sich auch hier erfüllt. Mancher ist versucht, die Architektur von LRO deshalb als konservativ zu etikettieren. Eher handelt es sich um eine gewissermaßen post-post-moderne Entwurfshaltung, die Stil- und Materialzitate aus verschiedenen Epochen nicht als ironische Spielerei herausstellt, sondern zu einem Eigenen amalgamiert, immer mit dem Willen zur Eleganz.

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