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Basel und der Rhein : Mit dem Wickelfisch zur Arbeit

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Grenzstadt und Citta ideale: Blick auf den Rhein am Dreiländereck zwischen Deutschland, Schweiz und Frankreich Bild: Reuters

Alles fließt: In Basel kann man seine Sorgen den Rhein hinunterschicken. Nur in einen Strudel geraten sollte man nicht.

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          Basel: Woher kommt diese Schönheit? Alle Kraft in der idyllischen Grenzstadt geht vom Fluss aus. Vom Rhein, der sie mächtig durchfließt und in ein Groß- und ein Kleinbasel trennt. Er ist nicht einfach ein bisschen bewegtes Wasser, das sich gut als Fotomotiv eignet, weil sich in ihm in der Abenddämmerung die Lichter der Laternen spiegeln. Der Rhein ist nicht nebensächlich, in Basel, er ist Hauptsache. Denn hier, wie nirgends sonst, leben die Einwohner mit ihm zusammen. Sie schauen auf ihn aus allen möglichen Lagen. Nicht nur hin und wieder, sondern eigentlich immer: aus ihren Fenstern und Straßenbahnen, von Brücken, Plätzen und Vorlesungssälen – ständig ist der Fluss in Sicht, wie er schweigend seinen Weg macht, unberührt vom Wandel der Zeiten.

          Er folgt einem anderen Befehl als wir Menschen. Ist nicht losgeschickt worden, um irgendwo anzukommen, sondern lebt, um zu überdauern. Sein besonderer Geist ist in Basel auf eigene Weise zu spüren. Anders als etwa in Köln ist der Rhein hier nicht unüberschaubares Nutzgewässer, auf dem nur lange Binnenschiffe oder schmutzige Ausflugsdampfer fahren. Der Fluss ist den Menschen hier nahe. Sie sitzen nicht nur an ihm und überqueren ihn auf acht Brücken, sie fahren nicht nur über ihn mit Fähren und schnellen Kajaks, sondern sie schwimmen auch in ihm. Seit ein paar Jahren ist er sauber genug und jetzt, wo die Chemie stillsteht, sogar noch sauberer. An heißen Sommertagen sammeln sich die Basler nach der Arbeit am frühen Nachmittag auf beiden Rheinseiten und springen mit dem „Wickelfisch“ – einer in Basel erfundenen, wasserdichten Schwimmtasche – im Arm in die kühle Strömung. Stark zieht sie den ungeübten Schwimmer mit sich und lässt ihn für einen Augenblick alle Ansprüche auf ein selbstbestimmtes Leben vergessen.

          Hier ist er einmal wirklich nur ein Teil des fließenden Ganzen, des „panta rhei“, mit dem Heraklit bekanntlich die ganze Welt beschrieb. Weder zu dicht am Ufer noch zu sehr in der Mitte schwimmt der flusskundige Basler, denn er weiß um die unvorhersehbaren Strömungen, die sich dort entwickeln können. Wer in eine gerät, sollte sich – so raten die Rhein-Weisen – nicht wehren, sondern ihr folgen, sich hinabziehen lassen und versuchen, weiter unten aus ihr herauszutauchen. Testen will man das lieber nicht. Stattdessen sich im richtigen Moment ans steinige Ufer treiben lassen, zum Stehen kommen und auf den warmen Steinen des Kais liegend trocknen. Eine Stadt, in der man so von der Arbeit nach Hause kommt, wo die schönsten Abende unten am Fluss verbracht werden und die schönsten Morgen, Vor- und Nachmittage auch, ist das nicht wirklich eine „cittá ideale“, eine ideale Stadt? Und warum? Eben, weil mit dem Fluss auch alle Sorgen vorbeifließen. Und nur das alte Lied von Johann Peter Hebel im Kopf bleibt: „Z’Basel an mym Rhy / Jo, dert möcht i sy.“

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